Als am 4. November um 21.38 Uhr der Energieversorger E-On eine Hochspannungsleitung über der Ems abschaltet um die Durchfahrt eines neuen Passagierkreuzers der Papenburger Meyer Werft zu ermöglichen, geht ab 22:10 Uhr bei rund zehn Millionen Menschen in Europa das Licht aus. Fieberhaft wird seitdem nach der Ursache gesucht. Als die Windkraft in Verdacht gerät, eine Mitschuld an der Strompanne zu tragen, zeigt man sich dort fast panisch bemüht, alle Verdachtsmoment zu zerstreuen. Dabei greift man zu Behauptungen, die selbst Laien skeptisch machen müssen: Windkraft trage zur Netzstabilität bei.
Kleiner Exkurs
Strom ist in den für die Netze relevanten Mengen nicht „speicherbar“. Bei Verbrauchsspitzen, aber auch bei zu geringer Stromabnahme müssen über die Hochspannungsnetze stets ausgeglichen werden. Der aus europäischen Steckdosen stammende Strom fließt mit einer Frequenz von 50 Hertz. Und genau diese 50 Hertz müssen die Energieerzeuger aufrecht erhalten, sonst kommt es zu Problemen. Die Toleranz beträgt dabei gerade mal 0,05 Hertz.
Kommt es zu einem plötzlichen Anstieg der Stromlast, wie es im kalkulierbaren “Normalfall” morgens, mittags und abends der Fall ist – wenn also beispielsweise ganz Deutschland aufsteht, und die Kaffeemaschine anschmeisst – so müssen die Unternehmen sofort nachregeln. Zunächst kommt dabei die so genannte “Sekundenreserve” ins Spiel. Diese beziehen die Versorger aus laufenden Generatoren, die bei Bedarf hinzugeschaltet werden können. Da dies aber im gesamten Stromverbund nicht ausreichen würde, wird kurz danach die „Minutenreserve“ aktiviert: Strom aus Gaskraftwerken oder Speicherwasserkraftwerken, die bereits nach kurzer Anlaufzeit bereit stehen. Wird dann immer noch Ausgleich benötigt, kommt zusätzlicher Strom aus hinzugeschalteten Blöcken herkömmlicher Kraftwerke, wie beispielsweise Kohle, hinzu.
Und jetzt zur Windkraft: Nicht nur Strom der unregelmäßig aus den Netzen entnommen wird, sondern auch Strom der unregelmäßig hinzugefügt wird, muss in den Hochspannungsnetzen geregelt werden: Der Wind bläst, wie allgemein bekannt ist, nicht immer in konstanter Geschwindigkeit. Demzufolge können auch die Windkrafträder nicht konstanten Strom in das Netz einspeisen. Je nach Windstärke müssen die Energieversorger also mit hohen und niedrigen Einspeisungen aus der Windenergie klar kommen. Um diese schwerer zu kalkulierenden Schwankungen auszugleichen, werden mit steigendem Anteil der Windkraft an der Gesamtstromerzeugung auch verstärkt herkömmliche Ausgleichskraftwerke benötigt.

Windkraftbetreiber sehen sich als Netzstabilisierer
Bei den Windkraftbetreibern scheint man aber eine andere Auffassung von der Zuverlässigkeit des Windes zu haben. Nachdem nun E-On sowie die Bundesnetzagentur nach den Ursachen für den europaweiten Stromausfall forschen, stellen sich der Bundesverband Windenergie (BWE) und die Auricher Enercon in der Presse bereits als Stabilisierer der Stromnetze dar.
Weil der Wind zum Zeitpunkt des Stromausfalls ausreichend geweht habe, die Windkraftwerke lieferten nach Angaben des BWE mit rund 5800 Megawatt etwa 30 Prozent ihrer Gesamtleistung, könne man nicht für den Stromausfall zur Verantwortung gezogen werden. Im Gegenteil, man habe sogar Strom zur Netzstabilisierung bereit stellen können. Dies mag ja im fragwürdigen Zeitraum des Stromausfalls zufällig der Fall gewesen sein, kann aber mitnichten für den Allgemeinfall gelten.
Dann aber setzt Enercon noch einen drauf: In der Tagezeitung „Ostfriesische Nachrichten“ vom 6. November 2006 behauptet das Unternehmen, Windkraft trage zur Stabilisierung der Stromnetze bei.
Das Verhalten der Enercon-Windenergieanlagen ist in wichtigen Punkten vergleichbar mit dem konventioneller Kraftwerke. [...] Die Anlagen lieferten zum Beispiel den für die Netzstabilität dringend benötigten Blindstrom und könnten auf Netzkurzschlüsse und Engpässe im Netz reagieren. Zum Beispiel könnten die Netzbetreiber die Anlagen entweder schlagartig vom Netz nehmen oder je nach Bedarf ihre Stromerzeugung drosseln.ON, 6.11.2006
Wie eine Windanlage aber bei Flaute schlagartig Strom hinzufügen will, verriet man den Ostfriesischen Nachrichten offenbar nicht. Enercon bezieht sich bei seiner Behauptung dabei auf ein „Zertifikat“ von der Forschungsgemeinschaft für Elektrische Anlagen und Stromwirtschaft e.V. aus Mannheim, das Enercon im Januar 2005 zunächst für seine 2 Megawatt Anlagen ausgestellt bekommen hat. Dieses Zertifikat weise den Windrädern des Anbieters „Anlageneigenschaften“ aus, wie sie sonst nur Kraftwerke hätten. Um welche Eigenschaften es sich jedoch im Detail bei dem Zertifikat handelt, teilt Enercon nicht mit. Die Eigenschaft „auf Abruf eine genau vordefinierte Energiemenge zu erzeugen“ – und genau das wäre für eine netzstabilisierende Anlage vonnöten – kann das Zertifikat wohl kaum bescheinigen.
Von einem Vertrag mit einem höheren Wesen, manche nennen es „Gott“, auf Abruf den richtigen Wind im richtigen Gebiet blasen zu lassen, ist bisher nichts bekannt.
Man kann auch versuchen es viel simpler zu erklären: Würde sich ein Krankenhaus, welches über eine Notstromversorgung verfügen muss um im Ernstfall seine Patienten weiter versorgen zu können, auf eine Windkraftanlage als Backup-System verlassen? Wäre blöd, wenn der Strom gerade dann ausfällt, wenn draußen Flaute herrscht. Selbst der Laie wird verstehen, dass es keinen Strom aus der Windkraft gibt, wenn der Wind nicht weht.
Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur bestätigt Problematik
Auch eine Studie der Deutschen Energie-Agentur dena vom Februar 2005 bestätigt, dass der weitere Ausbau der Windkraft und die Integration in das Stromnetz nur dann machbar ist, wenn weitreichende Investitionen in die Stromnetze getätigt werden, um durch den ungeregelten Windstrom keine Ausfälle befürchten zu müssen. Diese Milliardeninvestitionen werden sich auf die Verbraucher mit drastisch steigenden Strompreisen auswirken.
Der weitere Ausbau der Windenergie führt zu erhöhten Anforderungen an die Bereitstellung von
Regel- und Reserveleistung. Dieser Bedarf wird durch bestehende fossil befeuerte sowie
Pumpspeicher-Kraftwerke abgedeckt. Die Kosten für den weiteren Ausbau der Windenergie betragen im Jahr 2015 je nach Szenario zwischen 0,39 und 0,49 Cent je kWh für nicht privilegierte Stromkunden (z.B. private Haushalte).
Für privilegierte Stromkunden (Industrie) steigen die Kosten um 0,15 Cent pro kWh. Rund 400 km des vorhandenen 380 kV-Verbundnetzes müssen verstärkt, rund 850 km neu gebaut werden. Pressemitteilung dena zur Netzstudie
Wie anhand solcher Ergebnisse die Windenergie-Lobby behaupten kann, Windkraft trage zur Netzstabilität bei, bleibt deren Geheimnis.
Weitere Quellen:
- Grundlagenpapier: Regelung gesucht
Blackout und Versorgungssicherheit, Reservekapazitäten für Windkraftwerke, Strompreiserhöhung wegen hoher Kosten für Regelenergie – Netzregelung und Netzsicherheit sind zentrale Begriffe. Ein Verständnis der Grundlagen ist wichtig für die künftigen Diskussionen.
Bund der Energieverbraucher - Netzeinspeisung aus zeitlich fluktuativen Quellen (Wind und Photovoltaik)
Prof. Dr.-Ing. Helmut Alt, RWE Plus AG, Vertriebsniederlassung Düren Fachhochschule Aachen - Dena Netzstudie
Deutsche Energie-Agentur - Enercon Pressemitteilung: ENERCON erhält Zertifikat über Anlageneigenschaften
Enercon
