Ein übles Düftchen schwebt über dem Web: Eigentlich war der Grimme Online Award stets eine beliebte Auszeichung für die besten Webseiten des Landes. Doch nach einer Reihe peinlicher Pannen ist damit Essig: Die verfrühte Veröffentlichung der Gewinner noch während eine Online-Abstimmung nicht beendet war, ein Nominee, der bis kurz vor Schluss noch in der Jury saß und last but not least eine Webseite die nominiert wurde und dann erst das Licht der Onlinewelt erblickte. Jetzt sehen sich die Veranstalter im Kreuzfeuer der Kritik. Mittendrin auch die “Stars” der Bloggerszene Stefan Niggemeier und Mario Sixtus.
Spreeblick , Bildblog, Spiegel, Wikipedia. Sie alle haben den Grimme Online Award bereits bekommen. Bei einigen dieser durchaus gut gemachten Angebote stehen ganze Verlage dahinter, bei anderen fing alles als Projekt einer Privatperson an. Doch der Award ist auch ein hervorragendes Werbemittel. Wer ihn hat, kann sich was drauf einbilden. Wer ihn hat, kann noch erfolgreicher werden. Wer ihn hat, kann Geld verdienen: Aufträge, Werbung, Popularität.
Doch jetzt haftet ihm ein Manko an: Wurde bei der Preisvergabe gemauschelt? Peinlicherweise tauchten die Gewinner des diesjährigen Awards schon drei Tage vor der eigentlich geplanten Veröffentlichung auf einem Gala-Abend auf. Gut, das weiter wäre vielleicht nichts mehr als ein kleiner indiskreter Ausrutscher gewesen. Dumm nur, dass diese Indiskretion nur eine Panne in einer ganzen Reihe von Undurchsichtigkeiten bei der Preisvergabe ist.
So stand bereits um kurz nach 23 Uhr am Montagabend in der Liste der Award-Gewinner auch der Sieger des Publikumspreises fest: “hausgemacht.tv”, ein Video-Ratgeber von SAT.1, genauer gesagt, der SevenOne Intermedia GmbH.
Komisch dabei: Bis 23.59:59 sollten die User im Internet noch über eben diesen Gewinner abstimmen können. Wie praktisch, dass die Online-Abstimmung schon seit dem Nachmittag wegen “technischer Probleme” nicht mehr erreichbar war. Noch komischer ist allerdings, dass hausgemacht.tv erst am 1. April offiziell online ging und die Anmeldefrist für Bewerber bereits am 31. März 2007 abgelaufen war. Man kann sich also für eine Grimme-Auszeichnung bewerben, noch bevor das Angebot veröffentlicht wurde? Und nach nur zweieinhalb Monaten gewinnt dieses Angebot einen Publikumspreis? Der Geruch durchgeschwitzter Socken wabert in der Luft. Kurzum: Es stinkt!
Und auch Mario Sixtus steht im Kreuzfeuer der Kritik. Sein Webprojekt “Elekrischer Reporter” wurde ebenfalls für den Grimme Award nominiert. Nur war Sixtus Mitglied in der Jury, beeilte sich jedoch nach Bekanntgabe der Nominierung diese zu verlassen.
Während Uwe Kammann, Direktor des Alfred-Grimme-Instituts sich um Schadensbegrenzung bemüht…
Da gleichwohl der für Außenstehende so nicht einsehbare Entscheidungsprozess zu kritischen Vermutungen und zu falschen Schlussfolgerungen geführt hat, wird das Grimme-Institut für den Wettbewerb 2008 eine Änderung des Statuts erörtern, im Sinne einer auch öffentlich nachvollziehbaren Klarheit des Verfahrens.
…überlegt sich Stefan Niggemeier mittlerweile, ob er den diesjährigen Award überhaupt haben will.
Ich habe also diesen Grimme-Online-Award 2007 gewonnen. Will ich ihn haben?
Auch im Web 2.0 macht der Kommerz kein Päuschen. Im Zuge von Lobhudeleien, Preisvergaben und Berichterstattungen können am Ende nur die auf ein Massenpublikum hoffen, die sich selbst kommerzialisieren oder bereits mit einem großen Budget gestartet sind. Schon im Web 1.0 waren Online-Awards sehr populär. Doch wo Anfangs noch die privaten Homepagebastler ausgezeichnet wurden, fanden sich bald nur noch kommerzielle Anbieter in den Reihe der Gewinner wieder. Schade eigentlich.


Allein die Tatsache, dass der Grimme “Award” an eine einfach nur beschissen strukturierte, unübersichtliche, augenfeindliche Site wie “Elektrischer Reporter” verliehen wurde, ist ein Witz.
Selbst mit hochwertigerem Content, als dem Durchschnittsbrei der dort derzeit angeboten wird, sollte so eine Site nichtmal eine bronzene Banane der Bedeutungslosigkeit “gewinnen”… das hier der Grimme Online Award verliehen wurde, lässt den letzten Rest an Bedeutung, den dieser Preis einmal hatte, restmüllfrei zerbröseln.