BigBrother, Dschungelcamp, Popstars, DSDS und täglicher Talk-Show Terror: Das Niveau des Privatfernsehens ist längst am Boden. Doch mit “Gülcans Traumhochzeit” hat sich ProSieben jetzt in Richtung Kanalisation begeben. Millionärssohn heiratet Viva-Moderatorin. Wow. Aber wer zur Hölle sind die beiden? Gut, der eine hat Geld – von Beruf Sohn. Und die andere? Sie ist höchstens durch zweifelhafte Moderationskünste auf einem von Klingeltonwerbung verseuchten “Musiksender” bekannt. Nicht dass ich den beiden Hauptakteuren ihr Eheglück nicht gönne, aber muss man jetzt schon Glamour-Veranstaltungen faken, um Quote zu machen? Statisten als Hochzeitsgesellschaft, angeworbene Zaungäste und drei “Stars” aus den hinteren Reihen der deutschen TV-Landschaft. Willkommen im Tal der Tränen – we love to entertain you!
Was hat ProSieben für einen Aufwand gefahren, um den Zuschauern eine perfekt inszenierte “Traumhochzeit” zu bieten: Ein prunkvoll geschmücktes Fünf-Sterne Hotel in zweifellos romantischer Lage im Ostseebad Travemünde, eine Pferdekutsche fast einer echten Prinzessin würdig… aber dann? Eine im Vorfeld über mehrere Wochen ausgestrahlte “Doku-Soap”, bei der uns das künftige Paar bekannt gemacht wurde, zahllose Statisten, die auf dem Live-Abend die Hochzeitsgäste mimten und reihenweise weitere Inszenierungen: So auch die fast perfekte Showeinlage für den “guten Freund” aus London, der per Helikopter eingeflogen wurde. Was die Zuschauer nicht sahen: Der Heli startete nicht etwa in der Großstadt an der Themse, nein, der Gute stieg nur ein paar hundert Meter entfernt auf einer Wiese in das zuvor angemietete Fluggerät um dann einen effektvollen Auftritt hinzulegen. Auch die zahllosen Zaungäste wären wohl nicht vorhanden gewesen, hätten die Produzenten diese nicht noch am Nachmittag per Handzettel geködert: “Wollt ihr ins Fernsehen?”
Noch mehr Schein als Sein: Als “Stargäste” des Abends konnte ProSieben gerade mal Formel-1 Moderator Kai Ebel samt unbekannter Freudin, Viva Moderator Mola Adebisi sowie No-Angel Sängerin “Lucy” präsentieren. Diese wurden dann mit offensichtlich direkt von VW gesponserten Limousinen (allesamt WOB-Kennzeichen) nacheinander in großem Abstand vorgefahren. Hilflos versuchten die ProSieben Moderatoren so etwas wie “Oscar-Atmosphäre” aufkommen zu lassen als die drei B- und C-Stars den Phaetons entstiegen. Doch leider gab deren Outfit nicht besonders viel Gesprächsstoff her. Kai Ebel kam als lässiger Sunnyboy mit heller Hose und dunklem Hemd. Den Rest hat man jetzt schon wieder vergessen.
Die Braut selbst kam in ihrer Pferdekutsche angerollt – ein wenig wie auf Ecstasy so schien es, wie sie über beide Ohren grinsend den kreischenden Teenies am Straßenrand zuwinkte. “Schrille Prinzessin” titelte dann auch die Berliner Morgenpost am nächsten Tag.
Zum Altar musste die schrille Prinzessin jedoch alleine schreiten. Ist es nicht Sitte, dass der Vater die Braut auf diesem Weg begleitet? Selbst Großbäcker und Multimillionär Heiner Kamps war der ganze Hype um die Hochzeit seines Sohnes wohl zu peinlich: Er blieb der Zeremonie fern und gesellte sich erst dann hinzu, als die Fernsehkameras ausgeschaltet wurden.
Nach dem “Ja”-Wort – der traditionelle Kuß kam leider zu früh – gaben sich dann auch noch “Scooter” die Ehre und spielten ein kurzes Medley ihrer lautesten, aber leider bei weitem nicht besten, Party-Songs. Spätestens jetzt wären zumindest meine Eltern schreiend davongerannt. Ist es das, was man unter einer “absoluten Märchenhochzeit” versteht? Wer nach dieser Veranstaltung von “purer Romantik” spricht – hallo Associated Press!? -, der kann sie eigentlich nicht mehr alle an der Waffel haben.
Vielleicht ist es aber auch die Sehnsucht nach Vorbildern und Leitfiguren die unserer Gesellschaft fehlen und uns abendfüllende Sendungen mit Stars bescheren, die eigentlich keine sind.


In dem Beitrag nicht erwähnt sind die zahlreichen technischen Pannen die selbst mir als ganz normalen Zuschauer auffielen. Ein Kameramann der lautstark zornig im Bild stehende Leute wegscheucht. Immer wieder schlechte Übergänge und Tonprobleme. Moderatoren die willkürlich irgendwelche Dinge behaupten wie “Gülcan, Deutschlands beliebteste Moderatorin und Entertainerin”!! Wie Bitte??
Insgesamt kann man sagen dass die prunkvollen Bilder der wirklich tollen Location und das Niveau der Sendung absolut nicht im Gewicht waren. Eine riesige Seifenblase!