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11. Dezember 2007

Nach Feierabend Klappe halten: Die Angst vor dem Pöbel aus dem Netz

Was hat die Macher der Süddeutschen Zeitung geritten, die Kommentarfunktion ihrer Artikel ab sofort nur noch Werktags zwischen 9 – 18 Uhr freizuschalten? War es das jüngste Urteil zur Forenhaftung des Hamburger Landgerichts oder steckt mehr, wie etwa die latente Internetfeindlichkeit der Printmedien, dahinter? Außerhalb dieser neuen “Öffnungszeiten” ist es den Online-Lesern nicht mehr möglich, einen Beitrag der SZ zu kommentieren. Der Imageschaden ist perfekt. Ein virtuelles Trauerspiel “made in Germany”.


Unter den Beiträgen vieler Artikel ist heute Protest zu verspüren. Protest der Mitglieder des “Südcafés”, der Online-Community der Süddeutschen Zeitung. Statt lebhafter Diskussionen findet sich in vielen Leserbeiträgen heute nur noch folgender Text:

Dieser Artikel wird nicht kommentiert. Es handelt sich dabei um meine Reaktion als Teilnehmer des suedcafés auf die Beschränkungen der Kommentierungen auf die Zeiten zwischen 8 und 19 Uhr an Werktagen. Das macht ein Kommentieren für viele Teilnehmer gänzlich, für die meisten Teilnehmer weitgehend unmöglich.

Die Süddeutsche möchte mit diesen Beiträgen die Qualität der Diskussionen erhöhen. So schreibt sie um Verständnis werbend:

Wir wollen die Qualität der Nutzerdiskussionen stärker moderieren. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass wir die Kommentare ab 19 Uhr bis 8 Uhr des Folgetages einfrieren. In dieser Zeit können keine Kommentare geschrieben werden. Dieser “Freeze” gilt auch für Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 8 Uhr) und für Feiertage.

Die arbeitende Bevölkerung dürfte durch diese Regelung jedoch an einer aktiven Teilnahme an der SZ-Community behindert werden: Denn nach Feierabend wird nicht mehr kommentiert – am Wochenende schon gar nicht. Wer etwas zu sagen hat, muss entweder einen Job mit Internetzugang samt netten Chef haben, im Urlaub oder arbeitslos sein. Schöne neue Onlinewelt.

Folge dieser neuen Regelung könnte das bereits in diesem Beitrag von mir genannte neue Urteil des Landgerichtes Hamburg sein. Es verdonnerte den Blogger Stefan Niggemeier dazu, Kommentare erst nach vorherige Prüfung freizuschalten. Diese vorherige Inhaltsprüfung kann die Süddeutsche ebenfalls nur während der Arbeitszeiten sicherstellen. Doch das Urteil ist umstritten. Das Teledienstgesetzt schreibt nur eine Prüfung der Inhalte eines Forums vor. Sobald ein Betreiber von rechtsverletzenden Inhalten erfährt, muss er diese unverzüglich entfernen. Von einer vorherigen Prüfung aller eingehenden Beiträge steht dort kein Wort.

Das Grauen vor der Leserschaft

Aber würde sich die SZ von so einem Urteil wirklich einschüchtern lassen? Vor ein paar Schmuddelbeiträgen, die man auch am nächsten Tag rausfischen kann? Beiträge mit speziellen “Hitwörtern”, also Wörtern die verdächtig nach Schimpftirade klingen, filterte das System eh heraus und legte es den Redakteuren zur Prüfung vor. Man wünscht sich mehr Professionalität und Selbstbewußtsein im Umgang mit dem Medium Internet!

Aber vielleicht will man auch gar nicht wirklich so leserfreundlich sein, wie man zunächst getan hat: Nur kurz vor der Einführung der “Öffnungszeiten” für den virtuellen “Debattierclub” der SZ veröffentlichte der stellvertretende Chefredakteur der Onlineausgabe Bernd Graff unter der Headline “Die neue Idiotae: Web 0.0” seine Meinung zum freien Meinungsaustausch im Internet:

Das Internet verkommt zu einem Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten. Ein Plädoyer für eine Wissensgesellschaft mit Verantwortung.

Ich nutze das Medium Internet schon seit vielen Jahren. Zu Zeiten als es weder bunte Bilder geschweige denn Werbebanner im Webbrowser zu bestaunen gab. Zu Zeiten, als die Erwähnung des Satzes “Ich bin im Internet” noch ein erstaunes Augenaufschlagen verursachte, gefolgt von einem breiten Grinsen und der Frage “gibt es da auch Cybersex? So mit Cyberhandschuh und so?”

Umso mehr wundere ich mich, warum alle Welt ins Internet strömt. Jeder will sich präsentieren, dabei sein, teilhaben, hip sein. Doch manchmal wünschte ich mir, einige hätten nie den Schritt hierher gewagt.

Niemand hat euch Verlage gebeten, euch im Internet zu präsentieren. Ihr habt gemerkt, dass die eins-zu-eins Umsetzung des Papiers auf den Bildschirm so nicht funktioniert. Ein Geheimnis ist die Interaktion mit dem Leser. Der gegenseitige Austausch. Das bringt Quote, entschuldigung, Zugriffszahlen. Aber gebt es zu: Eigentlich schmeckt es euch nicht, dass plötzlich jeder seinen Senf hinzu geben kann. Für das Internet muß man den Mut und das Selbstbewußtsein haben, sich der Masse zu stellen. Entweder oder, keine halben Sachen. Lebt mit den Nervensägen, den Vielschreibern, den Selbstdarstellern. Sie gehören einfach dazu. So ist das hier eben. Das sind die Regeln. Und keine Sorge, die “Forentrolle” werden von der Community meist schnell identifiziert und gemieden. Nur der Laie reibt sich noch an ihnen.

Hilflosigkeit und ein verletztes Ego

Auch einigen – gewiß nicht allen – alteingessenen Redakteuren möchte ich manchmal die Frage stellen: Für wen schreibt ihr eigentlich, für den Leser oder euer Ego?

Es muss schon bitter sein, plötzlich nicht mehr zum Kreis derer zu gehören, die nur mit einem Verlag im Rücken publizieren können. Zu einem Kreis, zu dem die Leserschaft aufschauen muss, bei dem der Leser – wenn denn der Chefredakteur ihm die Gnade erweist – mit Freudentränen die gekürzte Fassung seines Briefes in der nächsten Ausgabe wiederfindet.

Dank Internet kann es auf einmal jeder: Publizieren. Schund ist dabei, keine Frage: Aber geht doch mal zum nächsten Kiosk und schaut euch den Schund an, der auch in gedruckter Form en Masse feil geboten wird.

Ihr schimpft oft und gerne auf die Blogs. So wie auch kürzlich der DJV Vorsitzende Michael Konken:

Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.

Ja, wenn es denn so ist, warum bloggen plötzlich auch alle Zeitungsverlage – mehr schlecht als recht – im Internet? Wollt ihr dem Bloggen zu neuer Qualität verhelfen, oder ist das nur ein weiterer verzweifelter Versuch, ein längst verlorenes Hoheitsgebiet zurück zu erobern?

Wenn ihr den offenen Meinungsaustausch nicht wollt, dann geht doch wieder zurück aufs Papier und akzeptiert Leserbriefe künftig nur noch per Post. Schon habt ihr wieder Ruhe vor dem Pöbel aus dem Internet. Oder nehmt euch ein Beispiel am heise-Verlag: Die haben für die schwierigen Fälle seit Jahren eine Trollwiese.

Eines ist das Internet mit Sicherheit nicht (mehr): Das Medium einer Elite – findet euch damit ab.

Ergebnis der neuen “Idiotae” Forenöffnungszeiten:

(In diesem Fall machte der Foren-Kontrolleur der SZ wohl Überstunden, inhaltlich hats trotzdem nichts gebracht)

Leseraufstand bei der Süddeutschen (klicken für große Version)

Ein Kommentar zu Nach Feierabend Klappe halten: Die Angst vor dem Pöbel aus dem Netz

  • Wie tief kann man sinken? Es wäre doch am einfachsten für die SZ, sie würden 1-2 mies bezahlte studentische Aushilfskräfte unter dem Deckmantel des Volontariats verpflichten, die vielfältige Schreibstile üben könnten, indem sie die mittelmässigen SZ-Artikel mit gefakten Kommentaren versehen.

    Aber – wundert irgendjemanden in dieser Bananenrepublik so etwas noch? Mich jedenfalls nicht. Ich hoffe – nein, ich glaube – dass Benzinfass Deutschland ist langsam voll… es fehlt nur noch der Funken.

    P.S. Herr Konken: Von einem DJV-Kollegen zum anderen: “Meines Erachtens nach” hast du vom Internet und den neuen Medien sowas von keine Ahnung, der passende Superlativ für deine Inkompetenz in dieser Hinsicht muss erst noch gefunden werden.

    Meines Wissens nach bist du Jahrgang 1953. Es ist an der Zeit, deine Kugelkopfschreibmaschine von IBM einzumotten und zum digitalen Zeitalter aufzuschliessen. Herzlich Willkommen!

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