Massen-Medium vs. „Beta-Blogger“

Na das hat gesessen. Die Spiegel Online Redakteure Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen sind unzufrieden mit der deutschen Bloggerszene. Sie sei rechthaberisch, selbstbezogen und unpressionell heisst es in der Einleitung ihres Artikels „Beta-Blogger“. Aber einen Aspekt lassen sie in ihrer Streitschrift vollkommen außer Acht.

Deutsche Blogger stänkern, mäkeln und … überhaupt … schimpfen lieber, als die Profiblogger in den Vereinigten Staaten, die politinteressiert, sachlich und wortgewand längst einen schwergewichtigen Einfluss in der amerikanischen Medienlandschaft erlangt haben. Und um die These zu beweisen, zitieren die Autoren ausgerechnet den „Bad Guy“ und „Chefmeckerer“ der deutschen Bloggerszene „Don Alphonso“, der erwartungsgemäß kaum ein gutes Haar an der deutschen Bloggerszene lässt.

Würde nicht auch SPIEGEL Stammschreiber Henryk M. Broder in dem Artikel für seine polemische Art einen über die Rübe kriegen, man könnte fast meinen der Bericht sei eine Kampfschrift nur gegen die deutsche Bloggerszene, aber so gibt es ja wenigstens noch einen Seitenhieb auf Journalisten die auch im Mainstream zuhause sind. Alles nur Tarnung?

„Beta-Blogger“ ist eine Provokation, sicher, vielleicht soll es die deutschen Blogger auch aufrütteln. Aber eines ist der Artikel sicherlich nicht: Fair. Einen ganz wichtigen Aspekt haben die Autoren vergessen, als sie den deutschen Bloggern die Professionalität absprachen:

Deutsche Blogger sind wie in kaum einer anderen westlichen Demokratie dank unklarer Rechtsprechung immer der Gefahr ausgesetzt, bei unliebsamer Berichterstattung schnell im Rahmen einer anwaltlichen Abmahnung einen teuren Maulkorb verpasst zu bekommen. Gründe dafür lassen sich schneller finden, als man manchmal glauben mag. Ein unglücklich formulierter Satz, ein falsch gesetzter Link, ein Gastkommentar, der nicht schnell genug entfernt wurde… und schon flattert die Unterlassungserklärung samt horrender Kostennote ins Haus. Ohne gerichtliche Prüfung, einfach so. Klar, man könnte sich wehren, aber was wenns schiefgeht? Also lieber zahlen, schlucken, schweigen. Bingo!

Hinzu kommen noch die von den „Anklägern“ frei wählbaren Gerichtsstände, wenns doch einmal hart auf hart kommt. Gerade Hamburg hat sich einen Namen gemacht, die Grenzen der Meinungsfreiheit sehr eng zu zurren. Für die Urteile des in der Onlineszene wohl bekanntesten Hamburger Richters, den Vorsitzenden der 24. Hamburger Zivilkammer, Andreas Buske, kursiert im Netz mittlerweile gar das Synonym „Buskeismus“ samt Internetseite.

Kein Wunder also, dass sich die Abmahner für ihre Klagen ein vielversprechendes Gericht aussuchen, wenn es wieder gilt, ein kritisches Weblog zu erschlagen. Aber soweit kommt es meist gar nicht: Jahrelange ungezügelte Abmahnwellen mit teils wahnwitzigen Kostennoten, ob berechtigt oder nicht, haben ihre Wirkung gezeigt und die Szene erschreckt. Wer einmal blechen musste, wird es sich künftig dreimal überlegen, wieder etwas Kritisches zu schreiben. Andere fangen lieber gar nicht erst an.

Auch der im Spiegelbericht genannte Blogger Stefan Niggemeier kann davon ein Lied singen. So verdonnerte ihn das Hamburger Gericht vor nicht allzu langer Zeit doch dazu, jeden Forenkommentar erst nach einer eingehenden Prüfung online zu schalten. Bei erfolgreichen Blogs, bei denen jedoch hunderte von Kommentare pro Tag eingehen, ist so etwas privat gar nicht zu leisten. Solche und viele andere zweifelhafte Urteile zur Foren- und Bloghaftung schaffen Unsicherheit. Und so werden die Deutschen Schritt für Schritt dazu erzogen, lieber die Schnauze zu halten und sich doch eher dem Bloggen von Unwichtigkeiten zu widmen.

Das heranwachsen einer politisch aktiven, kritischen und diskussionsfähigen Online-Gesellschaft wird so im Keim erstickt. Nur wer es sich leisten kann, traut sich noch, etwas zu sagen. Der Rest schweigt oder bloggt künftig lieber über die Kaninchenzucht im Garten.

Und dann kommen die klassischen Medien und klagen über eine infantile deutsche Bloggerszene? Prost Mahlzeit.

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