Teufelszeug Computerspiel

Spielsüchtig?

Es weihnachtet wieder: Auf den Märkten fließt der Alkohol in Strömen, Autos schlittern auf eisglatten Straßen in die Gräben und im Fernsehen stehen wieder reihenweise brutalo Actionfilme auf dem Programm. Doch das wahre Übel wird auch in diesem Jahr wieder durch selbsternannte Experten medial verbreitet: Computerspiele. Gemeingefährliche Mordinstrumente, die aus Kindern kleine Amokläufer oder abhängige Schulversager machen. In diesem Jahr steht „World Of Warcraft“ im Fadenkreuz. Süchtig mache es, Kinder würden gezwungen stundenlang vor dem Rechner zu hocken und mental zu verblöden. Ich wünschte mir wirklich, Eltern würden sich mehr mit dem „Spielzeug“ ihrer Kinder auseinandersetzen. Erstens ist Eigenverantwortung immer besser als pauschale Verbote und zweitens würden sie dann auch den Käse bemerken, den jetzt wieder so mancher „Experte“ verbreitet.

Beim Anzeiger für Harlingerland aus meiner alten Heimat Wittmund in Ostfriesland wurde nun im „Thema des Tages“ explizit vor „World Of Warcraft“ gewarnt. Nicht irgendjemand warnte, sondern die Polizeiinspektion Aurich/Wittmund höchst persönlich.

Anzeiger für Harlingerland, 25.11.2008

Der Artikel beginnt ganz subtil: Millionenfach banne „World Of Warcraft“ die Spieler weltweit vor den Computer. Ihr Entwickler mache währenddessen Milliarden-Umsätze. Es klingt fast so, als ob es eine Schande sei mit einem durchdachten Spielkonzept auch gutes Geld zu verdienen.

Und als sei der Verkaufserfolg ein Beweis für die Suchtgefahr, betont das Blatt anschließend, dass die Leute für das jüngste Erweiterungspack sogar vor den Elektronikmärkten Schlange standen. (Die können ja nicht ganz dicht sein!) Aber das haben die Leute auch bei neuen ALDI-Computern, bei Apples „iPhone“ und bei so ziemlich allen Harry-Potter Büchern gemacht. Ach stimmt, Harry-Potter ist ja nach Ansicht einiger auch Teufelszeug.

Nun aber kommt die unerschütterliche Autorität: Die Polizeiinspektion warnt! Oh Gott! Eltern erstarren in Ehrfurcht. Und die Polizei bringt auch noch wahre Horrorgeschichten mit: Kinder, die dank Computerspielen im Krankenhaus gelandet sind, Kinder die nach täglichem 17-Stunden-Dauerdaddeln von einer glatten 1 in der Schule auf eine schändliche 6 abgerutscht sind. Dieses Maximalbeispiel wirkt natürlich! Vom Musterschüler zum Pflegefall. So wird es uns allen ergehen, wenn wir unseren Kindern „World Of Warcraft“ kaufen!

Statt sich mal die Eltern zur Brust zu nehmen, die ihre Kinder offenbar vernachlässigen, werden die sogar noch verteidigt: Böse frei verfügbare Zusatztools aus dem bösen frei verfügbaren Internet würden die Sprösslinge „mehr oder weniger dazu zwingen“, pausenlos am Rechner zu verharren. Mein Alter Herr kam irgendwann immer zur Tür hereinspaziert und hat den ganzen Krempel einfach mitgenommen. Aber wahrscheinlich erzeugen diese Zusatztools eine Art Kraftfeld um das Kinderzimmer, das Eltern den Zutritt unmöglich macht.

Der Rat der Polizei: Liebe Eltern, bitte schaut, was ihr euren Kindern kauft. (Bevor ihr sie dann damit wieder alleine lasst?) Wie wäre es statt dessen mit: Liebe Eltern, bitte setzt euch wieder mehr mit euren Kindern auseinander?

Das World Of Warcraft aufgrund seiner Komplexität Suchtpotential besitzt soll hier gar nicht bestritten werden, nur ist das kein Alleinstellungsmerkmal von Computerspielen. Und selbst der Hersteller hat dies vor drei Jahren erkannt und ermöglicht es Eltern, den Spielkonsum ihrer Kinder per Zeitsperre einzuschränken. Interessanterweise wird das dem Leser aber verschwiegen.

Gerüchteküche

Was hat man in der Vergangenheit den Spielern nicht alles nachgesagt: Zu Killern würden sie herangezüchtet, der Schritt zur Kinderpornographie wäre nicht weit. Und wenn selbst das nicht hilft, dann wird einfach mal drauflos gelogen. Unvergessen auch die an den Haaren herbeigezogene Behauptung der F.A.Z. am 28. April 2002 nach dem Amoklauf von Erfurt über das Computerspiel „Counterstrike“:

„Und das Spiel, in dem man vom Polizisten (sogar die GSG 9) über den Passanten bis hin zum Schulmädchen jeden erschießen soll, ehe man selber erschossen wird, liefert einen Handlungscode für den Amoklauf von Erfurt;“

Weitere Beispiele sind hier nachzulesen

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