Diffus, diffuser, Killerspiel

Gerüchte, Voyeurismus, Falschmeldungen und voreilige Schlüsse

Die Toten des Amoklaufs von Winnenden sind weder beerdigt noch annähernd genug betrauert, die Tat noch nicht in ihren Einzelheiten untersucht und der Schock dieser Katastrophe kaum 24 Stunden alt. Doch in den Medien machen bereits wieder die typischen Verdächtigungen die Runde. Man konnte die Uhr danach stellen, wie lange es nach dem Amoklauf dauern würde, bis die so allgemein wie undifferenziert benannten „Killerspiele“ Erwähnung finden würden. Keiner kennt bislang die familiären und schulischen Hintergründe, keiner die persönlichen Lebensumstände des Täters, niemand kann bislang erahnen, was einen 17-jährigen zu solch einem Massaker treibt. Aber schon finden sich einfache Antworten auf einen komplexen Zusammenhang. „Amokläufer spielte Killerspiele am PC“ liest es sich wieder allerorts. Das Killerspiel als Auslöser für eine solche Bluttat? Wie einfach kann man es sich doch machen. Und dann war da noch die Sache mit der Vorwarnung im Internet…

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen zu diesem Thema in meinem Blog kein weiteres Wort zu verlieren. Erfurt, Emstetten, Tessin – immer waren es nach der Bluttat die gleichen reaktionären, simplifizierenden und halbherzigen Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen. Wer gestern während des Geschehens die Diskussionsforen im Internet oder den Kurznachrichtendienst Twitter verfolgt hat, der ahnte bereits, worauf es anschließend in den „etablierten Medien“, hinauslaufen würde.

Oft steht gerade dort das Internet als unkontrollierte, undifferenzierte und unzuverlässige Quelle am Pranger. Doch die Kommentare der Nutzer in den unzähligen Foren ließen gestern kaum ein gutes Haar an der Art und Weise der Berichterstattung der klassischen, auch liebevoll „Holzmedien“ genannten, Publikationen. Denn sie waren es, die dafür sorgten, dass Spekulationen ins Kraut schossen. Die Internetnutzer reagierten oftmals weitaus zurückhaltender und nüchterner und forderten ein um das andere Mal mehr journalistische Sorgfalt und Anstand von Focus, Spiegel, Süddeutsche und Co.

Kommentar eines Lesers auf FOCUS Online

Kommentar eines Lesers auf FOCUS Online

Auf FOCUS Online beschwerte sich ein Leser über die ständig neu eingespielten Kurzmeldungen, die aber keinen wirklichen neuen Inhaltswert bescherten. Darüber hinaus kürzte FOCUS auch den Nachnamen des Täters falsch ab. Da half auch die Beteuerung nichts, die Meldungen ständig nach aktueller Nachrichtenlage zu aktualisieren. Zu dem Zeitpunkt war der Nachname des Täters längst über andere Quellen bekannt. Dennoch gehört es zum guten journalistischen Ton, nicht mit dem Vollnamen heraus zu rücken. Bei der Boulevardpresse ist man das gewohnt, nicht jedoch in einem Medium mit Anspruch.

So bekam die Süddeutsche auch gleich die Wut der Leser zu spüren, als sie den Vollnamen des Täters nannte. Kurze Zeit später wurde dieser dann, wie es sich gehört, abgekürzt.

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Aber machen wir uns nichts vor, die Medien leben von der Sensation, vom Entsetzen vom Voyeurismus dem sich kaum ein Mensch wirklich entziehen kann. Wir wollen es konsumieren, sie bieten es bereitwillig an. Das schafft Auflage, das bringt Geld.

Wie in einem Krimi präsentiert die BILD den Amoklauf als animierte Online-Show...

Wie in einem Krimi präsentiert die BILD.DE den Amoklauf als animierte Online-Show...

...echauffiert sich aber zeitgleich über angebliche Geschmacklosigkeiten eines Satiremagazins

...echauffiert sich aber zeitgleich über angebliche Geschmacklosigkeiten eines Satiremagazins. Bilder: Screenshot

Die Neugierde liegt in unserer Natur. Ebenso wie es in unserer Natur liegt, komplexe Sachverhalte, die wir nicht verstehen, zu simplifizieren. Und da sind wir dann auch schon wieder bei den Killerspielen. Man hat also Killerspiele auf dem PC des Jungen gefunden. Obwohl die Polizei in Winnenden sofort darauf hinweist, dass man dadurch noch keine Verbindung zu einem Motiv herstellen kann, hagelt es in den folgenden Minuten eindeutige Überschriften.

Wie eine Trophäe präsentieren Medien das "Killerspiel" als Ursache für den Amoklauf von Winnenden

Wie eine Trophäe präsentieren Medien das "Killerspiel" als Ursache für den Amoklauf von Winnenden

Und schon meldet sich auch -wie es zu erwarten war- der erste Politiker zu Wort und fordert ein Verbot von „Killerspielen“. Zur Lagerung von Waffen im Haushalt – die Eltern des Amokläufers hatten 15 Schusswaffen mit rund 4600 Schuss Munition gelagert – hat der bayerische Innenminister Joachim Herrmann jedoch nur den simplen Vorschlag, dass diese noch sicherer zu Hause aufbewahrt werden müssten.

Paradox: Ballerspiele nein, Schusswaffen ja

Man fragt sich allerdings, warum der CSU-Mann, der unlängst Parallelen von Killerspielern zu Pädophilen zog, nicht auch vorschlägt, dass Eltern die längst bestehenden Altersbeschränkungen von Videos und Computerspielen ihrer Sprößlinge nicht besser beachten?

Und auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble spricht sich schnell gegen eine Verschärfung des Waffenrechts aus und vermutet die Ursachen für solche Gewalttaten bei den Computerspielen. Zusammengefasst: Verbot von Ballerspielen ja, von Schusswaffen im Haushalt nein. Paradox. Man muss sich Fragen, wieviele dieser „Experten“ Mitglieder in einem Schützenverein und wieviele Mitglieder in einem Ego-Shooter Clan sind.

Ankündigung der Tat im Internet eine Ente?

Auch die Echtheit der mutmaßlichen Ankündigung der Amoktat im Internet, wie sie nach einer Pressekonferenz am Tag nach der Tat beschrieben und anschließend als Tatsache verbreitet wurde, wird mittlerweile bezweifelt. Der Betreiber der Webseite „Krautchan“, auf der die Tat angeblich angekündigt wurde, hat sein Portal vorübergehend geschlossen und weist die Medien darauf hin, dass diese sich wohl einen Bären haben aufbinden lassen von jemandem, der gut mit einer Bildbearbeitungssoftware umzugehen wusste. Auch kursiert im Internet ein Screenshot, der den Originalbeitrag mit der gefälschten Version vergleicht, erkennbar an den identischen Zeitangaben und der Nummer des Beitrags.

Screenshot: Original und Fälschung? (anklicken für große Version)

Screenshot: Original und Fälschung? (anklicken für große Version)

Die Aussage des Polizeisprechers, dass die Tat offensichtlich unter „gleichaltrigen“ im Internet angekündigt und diskutiert wurde, aber dann nicht nach außen getragen, läßt vor allem eines erschreckend deutlich werden: Wie leichtfertig staatliche Stellen Informationen im Netz für bare Münze nehmen. Wie wurde die Authentiztät des Chats festgestellt? Woher weiß man, dass sich hier Gleichaltrige unterhielten?

Der Google-Cache scheint den Verdacht einer Fälschung zu erhärten. Zwar kann man die Seite nicht mehr aufrufen, Google zeigt aber die ersten Zeichen des Eintrags. Und diese stimmen nicht mit der angeblichen Amokwarnung überein, sondern mit dem im Netz als Original präsentierten Screenshot.

Im Google-Cache keine Spur von der angeblichen Amokwarnung unter der ID des Forenbeitrags. Der Verdacht einer Fälschung erhärtet sich.

Im Google-Cache keine Spur von der angeblichen Amokwarnung unter der ID des Forenbeitrags. Der Verdacht einer Fälschung erhärtet sich.

Entgegen des gerne verbreiteten Bildes, dass Tim K. wie andere jugendliche Amokläufer auch ein vereinsamter Ballerspieler und Internetnutzer war, fällt doch auf, dass es von ihm -wie es für einen Internetfreak wohl üblich wäre – erstaunlich wenig im Internet zu finden gibt. Keine eigene Webseite, kein Profil auf facebook oder studivz, keine Homepage, kein eigenes Hassvideo auf Youtube. Dabei käme das manchem Politiker jetzt gerade gut zu pass, um neue Argumente für die Vorratsdatenspeicherung und Internetfilter anführen zu können.

krautchan

Der Betreiber des Forums, in dem die Amoktat angeblich aufgetaucht sein soll, schließt vorübergehend sichtlich genervt sein Portal. Bild: Screenshot

Eines wird so kurz nach einer fürchterlichen Bluttat klar: Wir fangen wieder an, Alibi-Debatten zu führen, die von den wahren Ursachen solcher Amokläufe ablenken. Sie verschleiern die Hintergründe und lenken ab. Die Amoktat wird zur Durchsetzung politischer Interessen mißbraucht.

Wenn ein Mensch keinen anderen Weg mehr weiß, als so aus dem Leben zu scheiden und dabei möglichst viele Menschen mit sich zu reißen, dann kommt dieser schlechte Verfassungszustand sicherlich nicht erst mit dem Konsumieren eines gewalthaltigen Computerspiels.

Das Phänomen des Amoklaufes zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Computerspiele als Verursacher auszumachen ist dabei so einfach wie billig. Man erspart sich die Fragen ob wir nicht unsere Gesellschaft an sich hinterfragen müssen. Einer Gesellschaft, die geprägt ist von täglichem Leistungsdruck, Reglementierung und Bevormundung. Einer Gesellschaft, bei der schon derjenige als Versager gilt, der auf dem zweiten Platz gelandet ist. Aber noch ist es zu früh über die wirklichen Motive des Amokläufers von Winndenden zu spekulieren. Ob wir sie jemals hören werden ist fraglich, denn Medien und Politik scheinen derzeit ihre einfachen Antworten bereits gefunden zu haben.

Weitere Artikel aus diesem Blog zum dem Thema:

Update: Gegen 22:15 Uhr verbreitet sich die Meldung, dass die Amok-Warnung möglicherweise gefälscht war, endlich auch in den „Holzmedien“ Gut 10 Stunden nachdem die Blogosphäre die Echtheit dieser Meldung in Zweifel zog. Besonders peinlich: Gerade noch bezeichnete Stern Redakteur Gert Blank Twitter-User als Pöbel, während ausgebildete Journalisten wüssten, wie mit Namen, Bildern und Adressen umgegangen wird. Nun, die Fakten sprechen eine andere Sprache. Die Holzmedien waren es, die den vollen Namen von Tim K. genüßlich druckten. Und sie waren es, die es stundenlang versäumten, die angebliche Amokwarnung zu hinterfragen. Touché…

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