Adieu Marktwirtschaft: Zwangsabgabe weil Geschäftsmodell versagt

3. Juli 2009


Die Verlage beschweren sich über Content-Klau im Internet und bedienen sich doch selbst gerne für lau im Netz

Weil man es bis heute nicht zu einem lohnenswerten Geschäftsmodell im Internet gebracht hat, sollen nun die User blechen. Die Axel Springer AG, in Person ihr „Chief Marketing Officer“ – klingt ein bisschen wie ein Indianerhäuptling – Peter Würtenberger, möchte mit einer Zwangsabgabe auf Computer die gebeutelten Verlage subventionieren. Wenn die Marktwirtschaft versagt, muß halt der Staat eingreifen. Die Begründung ist einfach: Suchmaschinen wie Google würden journalistisch wertvolle Inhalte verwenden und damit Milliardenumsätze generieren von denen die Verlage nichts hätten. Warum sollen dann aber ausgerechnet Käufer eines Computers eine GEMA-ähnliche Zwangsabgabe leisten? Während sich Medienkonzerne über den angeblichen massenhaften „geistigen Diebstahl“ im Internet beschweren, sind sie es doch, die sich gerne ungefragt an Text- und Bildmaterial aus dem Netz bedienen: Ob aus Twitter, Youtube, Facebook oder StudiVZ. Gerade die „Bild“-Zeitung – ich würde ja lieber das Wort „Zeitung“ in Anführungsstrichen sehen – vergreift sich gerne mal am Internet und fragt nicht nach dem Urheberrecht.

Selbst der Deutsche Journalistenverband (DJV) sah sich anläßlich des „Welttags des Buches und des Urheberrechts“ am 23. April zur Aktion „Fotografen haben Namen“ berufen.

Manche Medien haben keinen Respekt mehr vor Fotojournalisten. Ihnen ist es vollkommen gleich, woher ein Bild stammt und wer ein Bild aufgenommen hat. (Michael Konken, DJV-Bundesvorsitzender)

Andersum gefragt: Wie sehen denn die journalistisch wertvollen Inhalte aus, von denen Würtenberger und andere Verlagsgrößen in jüngster Zeit immer wieder sprechen? Sollen das etwa die endlosen „Klickstrecken“ sein, wie man sie in so ziemlich jedem Onlineagebot findet? Eine Aneinanderreihung von Bildern mit zwei Sätzen garniert, die zu nichts anderem gut sind, als die so genannten „Pageimpressions“ (Seitenaufrufe) in die Höhe zu treiben und damit den angeblichen Werbewert zu steigern?

Oder sind das die üblichen Agenturmeldungen, die man rund um die Uhr auf so ziemlich jedem Verlagsangebot in gleicher Form vorfindet? Wehe, es hat sich dort ein Fehler eingeschlichen. Korrektur erfolgt meist erst Stunden später, da alles automatisiert einfließt. „Qualitätsjournalismus“ halt.

Worin unterscheiden sich die Angebote denn noch wirklich? Achso, vielleicht sprechen die Verlage auch von ihren etwas individueller aufbereiteten Inhalten von so genannten „Bürgerjournalisten“. Das sind meist arme abgezockte Hobbyschreiber, die sich einfach nur freuen, einmal ihren Namen unter einem Artikel auf der Homepage eines großen Verlages lesen zu dürfen. Am besten, sie liefern noch exklusives Bildmaterial dazu, für lau versteht sich!

In die Kritik geriet Anfang des Jahres so auch die WAZ Gruppe mit ihrem Onlineauftritt „Der Westen“. Bloggern wurde hier die Gelegenheit gegeben, ihre eigenen Ideen unter dem Dach der WAZ zu verbreiten. Waren die Inhalte erfolgreich und viel gelesen, hievte man die Beiträge auch gerne mal an eine prominentere Stelle. Doch um eine angemessene Entlohnung stand es schlecht, schließlich kehrten einige der erfolgreichen Blogger dem Verlag enttäuscht den Rücken. So beschwert sich Ex-WAZ-Blogger „Dimebag“ in einem Kommentar bei Blogbar:

Wenn sich jedoch – wie z.B. in meinem Fall – wöchentlich Redakteure melden, die Artikel über mich bringen wollen, weil ‘ich ja der sog. Blog-Buster’ im Westen war, dann kann ich nur sagen: Macht’s Euch selber!
1.) Füllt die WAZ-Gruppe mit guten Blog-Beiträgen kostenlos ihre Zeitung.
2.) Verdienen die Redakteure an Geschichten über Blogger auch wieder Kohle.
und 3.) guckt der so hochgepriesene Blogger dabei nur in den Mond.

Quelle: blogbar.de „Der Westen schasst externe Blogs

Qualitätsjournalismus, das hört sich so gut an. Aber wo findet man ihn noch? Investigativer Journalismus, Kritik, Recherche – das leistet sich kaum noch ein Verlag. Das dauert nämlich und Zeit ist Geld. Oft überwiegt auch die Angst, mit unliebsamer Schreibe einen Werbeträger zu vergraulen. Und wenn der Herr Chefredakteur gerne mit dem Bürgermeister essen geht, ist Kritik zu seiner Partei im Blatt ohnehin tabu.

So begnügen sich viele Verlage bereits damit, vorgefertigte PR-Texte abzuschreiben oder den Werbern gleich gegen Zahlung eines saftigen Obulus Platz für einen als journalistisches Produkt getarnten Werbetext anzubieten.

Und außerdem: Niemand wird von Google gezwungen, seine Inhalte automatisch der Suchmaschine preiszugeben. Da genügen ein paar Einträge im Quellcode und Suchmaschinen ignorieren künftig das Angebot.

Die bittere Erkenntis muss lauten: Wenn ihr es nicht schafft, ein lukratives Geschäftsmodell im Internet aufzubauen, dann zieht euch daraus zurück. Das ist das Gesetz der Marktwirtschaft. Zwangsabgaben sind hier fehl am Platze. Und bevor ich mit dem Kauf eines neuen PC ein Blatt wie die BILD finanziere, friert eher die Hölle zu!

Weitere Surftipps:
„Bild“ klaut „Nacktfotos“ von „Topmodel“ Hana
bildblog.de

Jäger und Sammler: StudiVZ Daten in der „Bild“-Zeitung
taz.de | Wie sich die „Bild“-Zeitung bei Online-Communities bedient

Twitter macht Journalisten stumm
stefan-niggemeier.de | Wie eine falsche Agenturmeldung weiterhin bestehen bleibt

Journalisten klauen bei Bloggern
wortgefecht.net

Auch bei Springer ruft man nach dem Sozialismus
weblog.wanhoff.de

Die korrigierte Resolution im Wortlaut
blogbar.de | Don Alphonso karikiert einen Aufruf der Verleger zu mehr Schutz geistigen Eigentums im Internet

7 Gedanken zu „Adieu Marktwirtschaft: Zwangsabgabe weil Geschäftsmodell versagt

  1. 1000Sunny

    Hi, super Beitrag!
    Ich finde das Problem war auch (schon vor dem Internet), dass die Zeitungen keine gute Arbeit machten. Sie waren zu sehr in ihre finanziellen Bedürfnisse und somit ihrer Klientel verstrickt, dass sie aus Rücksicht auf Leser und Werber nicht investigativ sein konnten. Zudem kostet es (wie Du sagst) viel Zeit etwas relevantes zu schreiben.

  2. Redox3222

    Ich bin begeistert, das es wirklich noch Menschen gibt die die feinen aber gemeinen, irrwitzigen und hirnrissigen Fehler in der heutigen Medienwelt erkennen.

    Wieder einmal hast du gezeigt (geschrieben) was die meisten Deutschen sicherlich übersehen haben.

    Interessant finde ich die erwähnte „Automatisierung“ der Zeitungen, welches Solche somit total nutzlos macht, da man das harte und in Druckerschwärze getunkte Papier nun wirklich zu nichts gebrauchen kann. Höchstens noch als Grillanzünder.

    MfG Dennis (ja ich heiße auch Dennis ^^)

  3. Pingback: Adieu Marktwirtschaft « Verschlusssache

  4. bunkerb

    wir kennen das ja: ein „medium“ kommt nicht mit ins neue zeitalter. ist ja auch ok, niemand zwingt die zeitungen dazu. aber anstatt sich ideen zu machen, wie man das schaffen kann, heult man lieber unglaublich laut und verlangt zwangsabgaben.
    hier ein wunderschöner artikel dazu von dennis knake

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