Die Neuerfindung der Netiquette

Unsere durchaus übereifrige Familienministerin Ursula von der Leyen lässt nicht locker: Wie ein Cowgirl auf einem wilden Rodeopferd versucht sie das ungestüme Tier „Internet“ zu zähmen. Neben der üblichen Floskel, es dürfe kein „rechtsfreier Raum sein“ – was es nie war – heute nun ihr neuester Einfall: Allgemein anerkannte Benimmregeln für Chats, Blogs und Foren, ach für das ganze Internet. Ziel müsse es sein, „gemeinsam mit den Verantwortlichen sowie jugendlichen Nutzern einen Verhaltenskodex zu entwickeln“, so von der Leyen im Interview mit der Rheinischen Post. Wer ein wenig netzkundig ist, darf jetzt stutzig werden. Benimmregeln fürs Internet? Gibts das nicht schon längst?

Richtig! Vor rund 14 Jahren haben Mitglieder der Internet Engineering Task Force IETF, einem Zusammenschluss von Netzwerktechnikern, Herstellern, Netzbetreibern, Forschern und Anwendern, Benimmregeln für den gegenseitigen Umgang im Netz erarbeitet und ihr Papier unter der RFC (Request for Comments) Nummer 1855 im Oktober 1995 veröffentlicht. Dieses Grundsatzpapier ist die Grundlage für so ziemlich jede „Netiquette„, die sich in so ziemlich allen Online-Communities finden lässt und ihre Nutzer über den Verhaltenskodex aufklärt.

RFC1855 regelt den Umgang im Internet sowohl bei der Kommunikation in die Menge (One-To-Many) also auch die direkte Kommunikation mit einzelnen Gesprächspartnern (One-To-One) beispielsweise via E-Mail. Sogar ein Punkt, den unsere Das-Internet-Ist-Kein-Rechtsfreier-Raum-Prediger warscheinlich gar nicht vermuten, ist aufgeführt:

Respect the copyright on material that you reproduce. Almost every country has copyright laws.

Aber auch ganz einfache, und eigentlich selbstverständliche Umgangsformen im menschlichen Miteinander haben die Ersteller der RFC1855 nicht vergessen:

You should not send heated messages (we call these „flames“) even if you are provoked. […] Remember that the recipient is a human being whose culture, language, and humor have different points of reference from your own.

Nach dem Fauxpas mit den Indern und der Kinderpornografie offenbart sich bei der Familienministerin eine weitere große Wissenslücke  und man darf sich getrost fragen: Wer berät diese Frau? Sollte man nicht grundsätzlich, bevor man sich vor die Presse stellt und eine neue Idee verkündet, im Vorfeld informieren?  Oder ist es wieder die gewohnte Elefant im Porzellanladen-Taktik? „Verwirren Sie mich nicht mit Fakten, meine Meinung steht ohnehin fest!“ Der Verkehrsminister stellt sich auch nicht hin und fordert die Einführung runder, gummiartiger Objekte zur besseren Fortbewegung eines Fahrzeugs auf der Straße; schon vor der Antike als „Rad“ bekannt.

Was die Netiquette angeht: In vielen Blogs und Foren fällt es den Usern angesichts dieser Äußerungen der Familienministerin schwer, die Contenance zu wahren. Und man selbst möchte der gesamten Politik, bevor sie wieder mit „tollen“ Ideen um die Ecke kommen, in guter alter Online-Manier zurufen: RTFM!

Oder anders gesagt: Als gewählte Volksvertreterin sollte Frau von der Leyen den jüngsten Kritiken der Netzkundigen mehr Gehöhr schenken. So besagt der RFC1855-Codex für Administratoren:

Investigate complaints about your users with an open mind.

Wo auch immer im Internet diskutiert wird, die Netiquette ist als allgemein anerkannte Benimmregel dabei.

Wo auch immer im Internet diskutiert wird, die Netiquette ist seit rund 14 Jahren als allgemein anerkannte Benimmregel dabei.

Surftipps:
Verhaltenskodex für Zensursula

2 Comments

  1. :-)
    Mal wieder köstlich, wegen solch super Artikel bin ich jeden Tag auf deiner Seite Dennis ^^. (sorry aber ein ordentliches:

    **HAAa HAAaaA HAAHAA HAA HAHAAAAAaa**

    *lol*
    konnte ich mir jetzt nicht verkneifen ^^)

    MfG Dennis

  2. Ahoi,

    ich denke, dass Zensursula nicht eine neue Netiquette aufbauen will.

    In ihrem Interview mit der Rheinischen Post fordert sie zwar einen Verhaltenskodex, und der SPIEGEL gibt es als „Benimm-Katalog“ wieder, allerdings ist eigentlich eher ein (im Sinnbild) „Spickzettel für Kinder“ gemeint.

    Sie fordert in einer Rede, dass Schulen, Lehrer und Soziale Netzwerke, in denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten, mithelfen den Schülern, Töchtern/Söhnen und Benutzern das richtige verhalten im Internet näher zu bringen.

    Die erwähnte Rede ist am Ende dieses Blogposts verlinkt:
    http://www.malte-welding.com/2009/07/23/benimm-regeln-was-von-der-leyen-wirklich-gesagt-hat/

    MfG
    Robert

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