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30. September 2009

Deutsch aus reinem Trotz

Als FDP-Chef Guido Westerwelle kürzlich die auf Englisch gestellte Frage eines BBC-Reporters mit der Bitte ob er diese auch auf Englisch beantworten könne, schroff damit abbügelte, dass man in Deutschland schließlich Deutsch spreche, offenbarte sich schlagartig die diplomatische Unbeholfenheit und mangelnde Auslandserfahrung des womöglich nächsten Außenministers Deutschlands. Dennoch erhält Westerwelle auch aus Internetforen viel Zuspruch für seine Reaktion. “Richtig so” schallt es aus vielerlei Ecken. Doch die Begründung, warum dies denn so richtig sei, bringt meist nur eine ziemlich kleinliche Trotzreaktion und falsch verstandenen Nationalstolz zu Tage.

“Die in England würden auch nie auf die Idee kommen, eine Frage auf deutsch zu akzeptieren” – so oder ähnlich polterte es an vielen Stellen im Netz, um den Fauxpas des Guido Westerwelle zu verteidigen. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dieser Geisteshaltung? Zu allererst eine gehörige Portion Ignoranz. Englisch ist nunmal – ob es einem nun gefällt oder nicht – eine Weltsprache und gilt auch in diplomatischen Kreisen als Standard. Und wir befanden uns hier auf einer in Deutschland abgehaltenen Pressekonferenz mit internationalem Publikum.

Zum Zweiten, und das wirkt fast noch schwerer, zeugt eine derartige Geisteshaltung “Was die anderen machen, brauche ich auch nicht zu tun” von ziemlicher Kleinkariertheit. Es erinnert fast an den Lehrer, der Klein Fritzi auffordert, den Müll in der Ecke wegzuräumen. Klein Fritzi aber antwortet beleidigt, die anderen würden das aber doch auch nie tun, warum solle er denn?

Auf der einen Seite ärgern sich also die Befürworter der westerwellschen Polterei darüber, dass man in anderen Ländern nie auf die Idee käme, Deutsch zu sprechen, wollen dann aber aus reiner Trotzreaktion auch kein Englisch mehr sprechen. Ein ziemlicher Kindergarten.

Zeigt, dass wir es besser können!

Dabei zeigt sich doch gerade in unserer allgemein verbreiteten Zweisprachigkeit aus zumindest Deutsch und Englisch ein beachtenswertes Merkmal in diesem Land. Auch aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass man im Ausland immer wieder positiv überrascht ist, dass wir so selbstverständlich in der Lage sind, uns auch auf Englisch zu verständigen.

Ginge es aber nach diesen beleidigten Miesepetern, würden wir diesen Vorteil zum Fenster hinaus werfen und künftig hierzulande nur noch unsere Sprache sprechen. Mit der Folge, dass immer weniger Leute irgendwann in der Lage wären, sich in dieser globalen Welt auch global verständlich auszudrücken. Mit anderen Worten: Nur weil es die Anderen angeblich nicht können, müssen wir es denen doch nicht nachmachen.

Auch das Argument, Westerwelle habe hier eine wichtige Pressekonferenz gehalten, bei der es auf Feinheiten und Nuancen in der Wortwahl ankäme und da spricht er besser Deutsch als Englisch, schon allein um Missverständnisse zu vermeiden, ist nicht viel mehr als eine Schutzbehauptung. Wenn dem so wäre, dann wäre es doch ein leichtes gewesen zu antworten: “Ich gestatte Ihnen, die Frage auf Englisch zu stellen, wenn Sie mir gestatten, auf Deutsch zu antworten.”

Im Übrigen: Wladimir Putin gibt gerne auch mal in Moskau dem deutschen Fernsehen ein Interview in unserer deutschen Sprache. Er müsste es nicht, er tut es aber.

Auch eine weitere Reaktion Westerwelles lässt tief blicken. Er schlug dem Reporter vor, sich anschließend auf einen Tee zu treffen um bei der Gelegenheit englisch zu sprechen? Was sollte das nun wieder? Schlechtes Gewissen oder ein kleiner Nachschlag, der die Klischees über die Tee-trinkenden Engländer bedient? Ich stelle mir gerade vor, wie ein deutschsprachiger Reporter von Herrn Brown zum Biertrinken und einen Smalltalk über Lederhosen eingeladen wird.

4 Kommentare zu Deutsch aus reinem Trotz

  • ilPatrino

    na, ich möchte mal den author dieser zeilen sehen, wenn er auf einmal durch eine unbedachte äusserung in einer fremdsprache fast den 3. weltkrieg provoziert.
    OK, ein wenig weit hergeholt. ist aber oft genug geschehen!

    die feinheiten und nüancen der fremden sprache sind vielfälltig und oft genug führen falsch gewählte wörter zu missverständnissen.

    gerade im nachgang einer wahl schaut die welt auf das jeweilige land. nichts währe schlimmer, als internationale verwicklungen, weil ein nicht ganz ausgerohrener satz in allen fremdsprachen interpretiert und fehlgedeutet wir.

    ICH fand die reaktion der situation angemessen und klug (auch wenn ich nicht unbedingt der anhänger der fdp bin) !!!

    nachdenken vor dem ablassen!!!! das hat herr westerwelle im gegansatz zu manch anderem getan!

    “Im Übrigen: Wladimir Putin gibt gerne auch mal in Moskau dem deutschen Fernsehen ein Interview in unserer deutschen Sprache. Er müsste es nicht, er tut es aber.”

    …aber bestimmt nicht, wenn es um die feinheiten der deutsch-russischen beziehungen geht oder wenn er seine meinung über ein anderes staatsoberhaupt äussert!

  • ilPatrino

    wäre nicht währe…

  • Seatroll

    Die Verweigerung ist einzig Zeugnis seiner Inkompetenz – eben auch in linguistischer Hinsicht. Westerwelle ist ja schon in seiner Muttersprache nur dann zu einem flüssigen Mono- oder Dialog fähig, wenn es um ein Thema geht, bei dem ihm seine Untergebenen zugearbeitet und die Inhalte vorher “guidopatibel” aufbereitet haben.

    Einzig das “einfachere Steuersystem” ist eine Phrase, die er mittlerweile so häufig wiederholt hat, dass er sie nicht mehr vom Teleprompter ablesen muss.

    Wer diesen Menschen und seine Oberschicht-Partei gewählt hat – dem ist meiner Meinung nach nicht mehr zu helfen. Es wird nicht lange dauern, bis die FDP ihr Bürgergeld und die Judensterne *äh* Zwangsarbeit für Arbeitslose wieder als Thema auf den Tisch bringen werden. Abartig!

  • Torsten Weyers

    Da hat Deutschland ja wieder ein Thema, über das man sich das Maul zerreissen kann… – Aber im Ernst: Richtig ist, der Vergleich mit der “Weltsprache” englisch hakt, aber bei einer Pressekonferenz einer französischen Partei würde auch niemand auf englisch eine Frage stellen, geschweige denn eine Antwort in englisch bekommen! Außerdem muss man ja beachten, dass die FDP-Pressekonferenz auch in “Tagesschau” und “heute” gesendet und verstanden werden soll. Und das ist sicherlich im Interesse von Herrn Westerwelle.

    Die Kernfrage ist aber doch, warum die BBC einen Reporter nach Deutschland auf die FDP-Pressekonferenz schickt, der nicht deutsch spricht (vielleicht auch deutsch nicht versteht?). Das ist doch das eigentlich Peinliche an diesem Auftritt!

    Glücklich – auch für die PR-Berater – von Herrn Westerwelle war das freilich insgesamt nicht. Aber dann hätten die selben Berater ihn auch auf sowas vorbereiten müssen! Dafür werden sie schließlich bezahlt.

    Ohne Herrn Westerwelle in Schutz nehmen zu wollen: Aber war es beim Start von Joschka Fischer und Gerhard Schröder besser: Die Rückschau sagt nein. Auch die beide hatten entsprechende Startschwierigkeiten.

    Es scheint ja auf der FDP-Pressekonferenz auch nicht wirklich Wichtiges zu Tage getreten sein, wenn Deutschland sich nur mit dem angeblichen Faupax des evtl. zukünftigen Außenministers beschäftigt…

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