Zweierlei Maß

5. Oktober 2010


Nehmen wir mal folgendes, sich nicht zugetragenes Ereignis, an: Der Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) Udo Reiter hätte über seinen Twitter-Account anlässlich der Rede des Bundespräsidenten zur 20-Jahr-Feier der deutschen Einheit in Bezug auf da Bekenntnis zur christlich-jüdischen Geschichte Deutschlands, folgendes Statement über Twitter  losgelassen:

Einheitstag 2030: Bundespräsident Mosche Goldenstein ruft die Juden auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren.

Die Reaktion auf diesen Satz hätte wohl einen Sturm der Entrüstung, gefolgt vom Rücktritt Reiters von seinem Posten zur Folge gehabt. Die Umzeichnung eines diffusen Bildes jüdischer Unterwanderung in Deutschland (Ja, davor wurde den Menschen hierzulande in der Tat mal Angst gemacht, ist aber schon ne Weile her). Allein die Nicht-Unterscheidung zwischen Religion und Staatsangehörigkeit  – sind denn jüdische Deutsche keine Deutschen – wäre schon ein Skandal. Aber Halt! Udo Reiter hat das ja gottseidank nicht gesagt. Nein, er hat folgendes geschrieben:

Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren.

Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren.

Und nun? Muslime sind also per se keine Deutschen? Er hielt das ganze für einen Scherz. Und angeblich war er noch nichtmal von ihm selbst. Denn kurze Zeit später schrieb er auf Twitter:

Der Tweet war vor einiger Zeit ein gezeichneter Witz in einer deutschen Zeitung. War natürlich als Joke gemeint. Sorry.

Ok, es gab es dann auch so einiges an Empörung. Aber die fand zumeist noch im Web statt. Bis in die 20 Uhr Tagesschau schaffte es diese Entgleisung nicht.

Anderes Beispiel

Thilo Sarrazin liebt die Provokation, das wissen wir mittlerweile. Und er mag keine Araber oder Türken. Zumindest keine, die ständig „neue Kopftuchmädchen“ produzieren. Diese und andere Äußerungen blieben für Sarrazin trotz einiger Empörung lange Zeit recht folgenlos. Auch nachdem sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ auf dem Markt war, wackelte sein Stuhl im Vorstand der Bundesbank zunächst nicht.

Wir erinnern uns: Er sprach davon, dass Deutschland „auf natürlichem Wege durchschnittlich dümmer“ werde und das dies vor allem an den Einwanderen aus „der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika“ läge. Auch dies konnte Sarrazin ziemlich unbehelligt behaupten. Hier herrscht ja schließlich Meinungsfreiheit.

Das Faß lief aber erst dann über, als Sarrazin von einem Juden-Gen fabulierte: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“. Erst dann, nachdem er längst über zahlreiche andere Volksgruppen – vor allem den vornehmlich islamisch geprägten – hergezogen war, gingen im ansonsten ach so politisch korrekten Deutschland die Alarmleuchten an.

Die Kombination „Juden“ und „Gen“, das war gleich eine Hausnumme schlimmer als Eva Hermann mit ihrem „Hitler“ und der „Autobahn“ bei Kerner. Die Empörungsmaschinerie kam ins Rollen, Sarrazin musste letztendlich gehen. War das aber nicht schon längst überfällig? Hätten die Alarmglocken nicht schon viel früher schrillen sollen?

Steter Tropfen hölt den Stein

Das, was den Juden im Dritten Reich wiederfahren ist, die Ausgrenzung, der Haß, die Brutalität und anschließende systematische Vernichtung – das ist in der Deutschen Geschichte der absolute und unauslöschbare Tiefpunkt. Doch das dies erst möglich wurde, setzte eine langsame und sich wie ein schleichendes Gift verbreitende Verteufelung des Judentums voraus, einer Verteufelung die schon im Mittelalter begann, irgendwann keinen Widerspruch mehr fand und im Dritten Reich zur Katastrophe führte.

Am Anfang waren es nur ein paar Karikaturen. Der Stereotyp vom geldgierigen Mann mit langer Nase. Und irgendwann war man sich dann irgendwie einig: Der Jude ist böse und an allem Schuld.

Dabei war die formale Gleichberechtigung der Juden in Preußen und Deutschland sogar laut Reichsverfassung von 1871 verankert. Doch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es immer leicht, einer Minderheit den schwarzen Peter zuzuschieben. Man schürte die Angst vor der Unterwanderung des Deutschen Reiches durch die Juden. So auch der Journalist und Politiker Wilhelm Marr, der mit seiner „Antisemitenliga“ fleißig Ressentiments sähte und Schriften mit Titeln wie „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ (1879) verfasste. Dabei ging er clever vor, um sich keine religiöse Motivation oder gar religiösen Fanatismus vorwerfen lassen zu müssen. Er distanzierte sich von dem im Christentum verankerten Judenhass und machte deutlich, dass er nichts von den Ammenmärchen hielt, die man sich im Mittelalter erzählte, der Jude fräße christliche Kinder und andere Schauermärchen. Nein, Marr schrieb den Juden ganz andere, ebenso hahnebüchene Eigenschaften, zu. Unter anderem schrieb er in seiner Hetzschrift von der „Scheu der Juden vor jeglicher Arbeit“ und ihrer „gesetzlich vorgeschriebenen Feindschaft gegen alle Nichtjuden.“

Die Zeiten haben sich geändert, aber die Methoden sind doch ähnlich. So hat auch Sarrazin seinen Stereotyp der faulen Türken:

„Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“

Zweilerlei Maß

Heute sind wir Deutschen sehr empfindlich, wenn es jemand wagt einen Vergleich zum dritten Reich oder den Juden herzustellen. Nicht selten führt da eine falsche Äußerung zur gesellschaftlichen Ächtung oder zum Rauswurf  – von welchem Posten auch immer.

Wir haben ja schließlich aus der Geschichte gelernt. Aber haben wir sie auch verstanden?

Geht es nämlich gegen die Muslime, so scheint man da noch etwas großzügiger, was die Akzeptanz von Verallgemeinerung, Vorurteilen und Beleidigungen angeht. Nicht selten heißt es da „Man muss ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen“, „man muss dochmal die Wahrheit aussprechen dürfen.“

Bücher werden veröffentlicht die von der schleichenden Islamisierung Europas fabulieren – und finden reißenden Absatz. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, der Untergang des Abendlandes stehe vor der Tür. Die Schreiberlinge wollen uns weiß machen, dass wir in Kürze bald alle vom Ruf des Muezzins aus den Betten geworfen werden, statt vom Dauergebimmel der Kirchenglocken. Man stelle sich vor, eine Partei hätte es heutzutage gewagt, eine durchgestrichene Synagoge auf ihr Wahlkampfplakat zu hieven. Bei einer Moschee geht das aber offensichtlich in Ordnung, wie man jüngst in NRW bei den Republikanern und proNRW beobachten durfte.

Da werden dann Rechtfertigungen hervorgekramt, warum man das Tragen von Kopftüchern nicht als Religionszeichen verstehe und daher verbieten solle. Religöses Zeichen hin oder her, glaubt man denn im Ernst, mit Verboten zu einem besseren Miteinander beitragen zu können? Man spricht von Integration und meint Assimilation. Der Muslim soll sich nicht nur unseren Werten anpassen, er soll am besten seinen Glauben ablegen.

Wie Diffus das Islambild für einige mittlerweile geworden ist, zeigt folgendes Beispiel. In der Arztpraxis von Dr. Med. Rainer Peters aus Wächtersbach prangte irgendwann folgendes Schild:

Dr. Peters, Wächtersbach

„Islamistische Frauen“ dürfen also keine Kopftücher mehr tragen. Und was ist mit den normalen islamischen Frauen? Ich verstehe das so: „Wer hobbymäßig gerne mit dem Sprenggürtel hantiert, sollte das Kopftuch lieber zuhause lassen.“ Alle anderen sollten sich von so einem Schild also gar nicht erst angesprochen fühlen? Wohl kaum. Ein perfektes Beispiel, wie diffus das Bild des Islam in so manchem Kopfe bereits ist. Ein weiteres, eindrucksvollens Beispiel beschreibt auch Stefan Niggemeier unter „Ernst Elitz, ein Ausrufezeichen gegen Muslime

Gesinnungstests

Damit es aber überhaupt soweit kommen konnte, bedurfte es auch einiger Vorarbeit aus der Politik. Um populistisch auf Stimmenfang zu gehen, wurden „Gesinnungsteste“ für Einwanderer aus islamischen Ländern eingeführt. Eine wunderbare Methode, um dieser unbestimmten Angst vor einer „islamischen Unterwanderung“ weiter Vorschub zu leisten.

Und der Test selbst? Eine Ansammlung dümmlichster Fragen, deren Pflicht zur Beantwortung schon eine Beleidigung darstellt. „Sind Sie ( …) wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen oder extremistischen Vereinigung verurteilt worden?“, „Kennen Sie Personen, die terroristischen Organisationen nahestehen?“, „Sind Sie im Gebrauch mit Sprengstoffen ausgebildet?“. Was soll man da auch Antworten? „Ja klar bin ich das, wollen Sie mal auf den Auslöser drücken?“. Wichtig hinzuzufügen, dass man bei diesem Test vorselektierte, wer ihn beantworten musste und wer nicht. Wer aus einem nicht muslimisch geprägten Land zugereist kam, blieb von dem Fragebogen verschont.

Ich möchte zumindest nicht bei der Einreise in ein fremdes – angeblich freies und demokratisches – Land gefragt werden, ob ich Nazi sei, da ich ja schließlich aus Deutschland komme. Bei so einem Staat würde es mir früher oder später wohl auch an Integrationswillen fehlen. Glücklicherweise wurde der Gesinnungstest eingestampft. Aber erst nachdem ein Student der Islamwissenschaft aus Marrokko erfolgreich dagegen klagte.

Brandstifter

Doch die Wirkung haben diese und andere Maßnahmen nicht verfehlt. Das tägliche Tröpfchen Gift in die Köpfe der Menschen und der Boden ist bereitet für Populisten wie Sarrazin und noch viel schlimmere wie Wilders oder Le Pen. Sie haben heute freie Hand ihre simplifizierenden Thesen zu verbreiten und die Massen aufzustacheln. „Rechtspopulisten“ wie man sie fast schon verniedlichend nennt. Doch es sind fanatische Brandstifter, nicht nur im Geiste. Und sie stehen den Hasspredigern auf der anderen Seite in nichts nach.

Was offenbar keiner dabei merkt: Sie machen sich damit zu Handlangern der radikalen Islamisten, sie spielen den Fanatikern der anderen Seite in die Hände. Deren erklärtes Ziel es nicht zuletzt auch, ihren „heiligen Krieg“ zu uns in den Westen zu tragen. Wunderbar auf den Leim gegangen würde ich sagen. Als Terrorfürst würde ich mir zumindest ins Fäustchen lachen. „Hat geklappt, sie fangen an sich zu radikalisieren…“

Zahlen, Daten, Fakten

Rund 4,3 Millionen Muslime leben heute in Deutschland und noch immer tun wir so, als seien sie eine Minderheit, die nicht hier her gehöre. Bundespräsident Wulff hat es auf seiner Rede deutlich gemacht: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Damit hat er kein Phantasiegebilde beschrieben, keine naive Multi-Kulti-Idee, sondern klare belegbare Fakten. Das mag einigen nicht gefallen, aber sie tun besser daran, sich damit abzufinden. Integration heißt nicht Assimilation.

Das CIA-World Factbook nennt für Deutschland die folgende Religionsverteilung:

Protestanten 34%
Römisch-Katholisch 34%
Muslimisc 3.7%
nicht zugehörig oder andere 28.3%

Die angehörigen jüdischen Glaubens werden dort nicht einmal gesondert aufgeführt. Glaubt man den Zahlen des Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienstes e.V. leben etwas über 200.000 Juden in Deutschland, das wäre weniger als ein Prozent. Die Anzahl der Muslime in Deutschland beziffert der Dienst allerdings mit rund 3,5 Millionen etwas geringer als die Bundesregierung aktuell. Die Zahlen stammen jedoch auch aus 2007.

Angesichts dieser Fakten ist es eine eklatante Negierung der Tatsachen, wenn sich nach der Rede von Christian Wullf nun einige erzkonservative Politiker hinstellen und sagen „Christentum ja, Judentum ja,… aber der Islam gehört nicht zu Deutschland“.

Doch, er gehört dazu. Nehmt das endlich zur Kenntnis. Und wenn wir wirklich ein demokratischer Staat sind, der die Religionsfreiheit in seinem Grundgesetz festgeschrieben hat, dann haben auch die Muslime ein Anrecht auf ihre Moscheen, ihre Feiertage, ihren Glauben und letztendlich auch den Respekt, den wir auch allen anderen Menschen – egal ob sie nun einer Religion zugehörig sind oder nicht – zuteil kommen lassen.

Die Neue Züricher Zeitung schreibt dazu:

Dass der Islam Teil der Lebenswirklichkeit ist, kann ja im Ernst nicht bestritten werden. Vier Millionen Muslime leben in Deutschland; […] Wenn also über 67 Prozent der Befragten in einer Fernsehumfrage am Dienstag erklärten, sie teilten die Auffassung Wulffs nicht, kann man nur vermuten, was da gemeint war. Die einen dürften an die Integrationsprobleme im Alltag, andere an das Problem des Gültigkeitsbereichs der Scharia gedacht haben. Wieder andere werden mit ihrem Votum schlicht eine nicht zwingend reflektierte Abneigung oder eine Vorliebe ausgedrückt haben.

„Eine nicht zwingend reflektierte Abneigung oder Vorliebe“ – die NZZ hat es erfasst. Wir lassen uns schon wieder von diffusen Gefühlen leiten.

Integration braucht den Willen beider Seiten

Es wird Zeit dass wir auch den Islam als Teil unserer Gesellschaft begreifen und ihn aus seinem Schatten- und Hinterhofdasein hervorholen. Denn genau dort passiert das, was wir alle nicht wollen: Die Bildung von Parallelgesellschaften oder noch schlimmer – die Radikalisierung einzelner. Angestachelt durch die Hassprediger auf der anderen Seite und durch die Ablehnung der islamischen Kultur auf unserer Seite. Denn die Ablehnung des Islams als Teil unserer Gesellschaft, durch verklausulierte Ausreden, warum mir den Islam nicht akzeptieren müssen, verhindern wir selbst eine gelungene Integration.

Auch der Antisemit Marr wollte seinerzeit die Juden nicht als Teil seiner Kultur begreifen:

In dem Juden ist dem Abendlande ein Volksstamm aufgedrungen worden, der, seiner eigenen Geschichte zu Folge, bei allen anderen Völkern des Orients aufs gründlichste verhasst war. Quelle: W. Marr, „Sieg des Judenthums über das Germanenthum“,  Bern 1879.

Es hat erst Weltkriege und den Holocaust geben müssen, bis die Juden als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft und Kultur akzeptiert wurden.Sehen wir also zu, dass wir nun den Islam integriert bekommen und machen die gleichen Fehler nicht noch einmal.

Eins noch zum Schluss: Wer überhaupt keine Integration von Migranten – und im speziellen muslimischen Migranten – will, der soll wenigstens die Eier haben, das auch laut zu sagen und sich nicht hinter angeblich mangelndem Integrationswillen der Anderen verstecken.

Ein Gedanke zu „Zweierlei Maß

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