Digitale Gesellschaft? Internet macht doof!


14. April 2011

Zugegeben, das Internet und vor allem das Web haben unsere Welt in den vergangen 20 Jahren revolutioniert. Wir sind jederzeit an jedem Ort umfassend informiert. Wir stehen dank Twitter, Facebook & Co. mit den Reichen, Schönen und Mächtigen direkter in Kontakt als je zuvor. Wir nehmen Teil an der Meinungbildung und beeinflussen gar die Staatenlenker. Das Internet bringt uns mehr Freiheit und mehr Demokratie. Hurra, es lebe die digitale Gesellschaft. Oder ist das alles nur ein Trugschluss? Werden wir vielleicht dümmer? Ich behaupte: Ja. Simples Indiz? Die anhaltende Flut an Spam und die unaufhaltsame Verbreitung dümmlicher Kettenmails über Soziale Netzwerke.Wir haben zwar die Chance uns besser zu informieren, doch wir nutzen sie nicht. So werden es auch digitale Politaktivisten schwer haben, die Gesellschaft zu erneuern.

Politische Aufklärung auch digital ein langer Weg

Die Piratenpartei, der Politstar im Netz. Hier erfahren sie Zuspruch wie sonst nirgendwo. Ihre Mitglieder twittern, bloggen und mischen sich ein wo immer es die Datenleitung her gibt. Petitionen hier, Aufrufe dort. Aber mal ehrlich: Dabei bleibt es dann auch. In der realen Welt spielen sie keine Rolle. Bislang bleibt es bei “Achtungserfolgen“. Soweit so gut. Doch im täglichen Kampf um ein freies Internet und eine offene und demokratische Gesellschaft gibt es viel zu tun. Ob Vorratsdatenspeicherung, Netzsperren, Three-Strikes-Modell oder Leistungsschutzrecht – an jeder Ecke lauert das Böse und da braucht es mehr als nur die Piraten.

Auch so gute und lesenswerte Seiten wie netzpolitik.org mögen zwar im Web einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben, ihr Gründer Markus Beckendahl genießt als Netzaktivist auch jenseits des Webs gewisse mediale Aufmerksamkeit. Doch man muss “draußen” nicht nur politisch desinteressierte Menschen nach der Seite oder seiner Person fragen, um schnell die Antwort “Markus wer?” zu hören.

Vielleicht auch ein Grund, warum er jetzt noch den Interessenverband “Digitale Gesellschaft e.V.” mitbegründet hat – in der Hoffnung, für sein Anliegen Netzpolitik mehr Aufmerksamkeit auch jenseits des Webs zu erlangen. Lobbyarbeit also, um den “Offline-Dinosauriern” mit ihrer großen Lobby Paroli zu bieten. Ein heres Ziel. Doch der Weg wird kein leichter sein.

Man müsste annehmen, jetzt, da wir uns alle noch relativ frei im Netz bewegen, informieren und aufklären lassen können, sollten Leute wie Beckendahl & Co. die Gesellschaft im nu umkrempeln können. Sozusagen fit machen, für das digitale Zeitalter. Weit gefehlt. Es wird mindestens ein genauso mühsamer Kampf, wie die der Umweltbewegung der 80er Jahre.

Das weiß natürlich auch Beckendahl.Vielleicht auch ein Grund, warum er im Interview mit dem Focus sagt, man orientiere sich an “Greenpeace”. Bleibt zu hoffen, dass sich sein Verein nicht in medialer Effekthascherei verzettelt, mit dem primären Ziel der Geldvermehrung und Sicherung des eigenen Lebensunterhaltes.

Schon nach der Vorstellung auf der re:publica IX hagelte es via Twitter Kritik. Der Ruf nach Transparenz wird laut. Und Alvar Freude (“noch so ein Internet-Fuzzi”) kritelte:

Aha, also das Fazit zu #digiges: „wir brauchen Eure Arbeitskraft, aber wir entscheiden alleine!“ Schade eigentlich. Quelle: Twitter

Aber woran liegt es, dass Aufklärung auch in Zeiten der Megavernetzung so schwer ist?

Sind vielleicht einfach noch nicht genügend Menschen dabei? Ist die Mehrheit immer noch “offline”? Weit gefehlt. Gerade erst vermeldet der Verband BITKOM, mehr als 50 Millionen Deutsche seien nun im Netz. Müssten wir alle also nicht längst im Zeitalter der digitalen Aufklärung angekommen sein? Schließlich bietet uns das Internet schier unendliche Möglichkeiten der Kommunikation und Information.

Nein. Denn die Leute machen in erster Linie das, was sie auch vorher gemacht haben: Medien konsumieren, das konsumierte nicht hinterfragen und ansonsten die Klappe halten. Der Einfluss derer, die sich aktiv für Aufklärung und Demokratie einsetzen, wird auch mit Internet überschaubar bleiben.

Eigenwahrnehmung vs. Außenwirkung

Auch Julian Assange trat an, die Welt zu verändern. Für kurze Zeit genoß er alle Aufmerksamkeit und die Aufregung war groß. Und was ist geblieben? Ein Mann, dem der Ruhm offenbar zu Kopf gestiegen ist. Ein paar Neider drumherum, enttäuschte Erwartungen und eine desinteressierte Gesellschaft. Da mag die nächste Enthüllung auch noch so pikant sein, ihre Wirkung wird wohl verpuffen.

Die Gefahr, sich schnell selbst zu überschätzen lauert überall im Social Web. Das geht nicht nur Politaktivisten so.

Oft herrscht eine eklatante Diskrepanz zwischen der Eigenwahrnehmung und der realen Welt draußen vor der Tür. In den zahlreichen Blogs und Twitter-Feeds der “üblichen Verdächtigen” bekommt man bisweilen den Eindruck, es ginge ein Ruck durch die Republik. Doch die Omnipräsenz der ewig gleichen Gesichter darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Einfluss hinter dem Datenanschluss endet.

Nicht selten stehen ihnen dabei Eitelkeit und Überheblichkeit im Weg. Sie tingeln von einem Szene-Treff zum Nächsten. Vom BarCamp zur re:publica, zwischendurch noch ein Hallo beim “Twittwoch”. Sie sind vernetzt bei Twitter, Xing und Facebook, sie haben tausend “Follower” und “Freunde”. Teilen der Welt unablässig mit wo sie einkaufen, ihren Kaffee trinken oder Burger essen gehen. Man “liest” sie in den Flieger steigen und weiß,wann sie zuhause sind. Und wenn irgendwo eine Revolution oder Katastrophe losbricht, pappen sie sich ein Logo auf den Avatar, um irgendwie dabei zu sein. Sie sind die Stars im Social Web und das ist gut fürs Ego. Mit etwas Glück bestreiten sie damit ihren Lebensunterhalt.  Und wenn alle Stricke reißen, bieten sie ihre Dienste halt als SEO- oder Social Media-Berater feil.

Keine Frage, man muss seine Chancen nutzen. Am Anfang fand ich diese ganzen Treffs auch cool. Heute sehe ich vieles kritischer. Das liegt vielleicht auch an der Flut der Schaumschläger, die man dort trifft. Die wollen mir sagen wie das Internet funktioniert und können dabei gerade mal ihr iPhone bedienen. Sie wissen nicht wer Joseph Weizenbaum war, haben vom Usenet noch nie was gehört und ihr erstes Modem konnte schon Mbit/s. Grausam.

Geisterfahrer im Web

Gehen wir mal weg von der Politik. Ich ärgere mich immer wieder, wenn mich vollkommen bescheuerte Kettenmails erreichen. “Sende diese Mail an 50 Freunde weiter und Microsoft schenkt Dir Geld.”, “Die kleine Elisabeth hat Leukämie und sucht einen Spender“,  dieser Schwachsinn geistert seit Jahren durch das Netz – immer wieder leicht abgewandelt – und die Leute fallen heute noch genauso oft darauf herein wie Ende der 90er Jahre. Dass ich solche Mails regelmäßg mit einem Link auf die Hoax-Info Seite der TU-Berlin beantworte, hat auch nach 16 Jahren aktiver Internetnutzung nichts bewirkt. Drei Tage später landet der nächste Schwachsinn in meiner Inbox.

Erst kürzlich machte eine Meldung die Runde, nachdem eine Frau 3.800 (!) Schadprogramme auf ihrem Computer “gehortet” hatte. Unfreiwillig zwar, aber unter eklatanter Mißachtung sämtlicher Sicherheits-Spielregeln bei der Nutzung des Internets. Sie nutzte kein Anti-Viren-Programm und – so vermute ich mal – klickte wohl auf jeden Scheiß der ihr vor die Nase kam. Anders kann ich mir die schiere Anzahl von Schadsoftware auf einem einzigen Computer nicht erklären. Genausogut kann ich mit verbundenen Augen ohne Gurt mit 200 Stundenkilometern als Geisterfahrer über die Autobahn donnern und darf mich anschließend nicht wundern, dass es nach kürzester Zeit kracht. Sofern ich anschließend noch zum “mich wundern” in der Lage bin.

Spam-Phänomene

Und last but not least: Spam käme nicht so massenhaft vor, wäre es nicht so erfolgreich. Viel Mühe müssen sich die Trickbetrüger offenbar auch nicht machen. Man muss schon grenzdebil sein, um auf die angeblichen Lottogewinne aus Spanien – an deren Lotterie man nie teilgenommen hat reinzufallen. Oder den Industriemogul aus Burkina-Faso, der sich ausgerechnet einen wildfremden Menschen aus dem Internet für den Transfer seiner 30 Millionen Dollar Erbschaft aussucht, hereinzufallen.

Und selbst wenn ein solcher Betrugsversuch mal ohne gravierende Schreibfehler im Anschreiben zugestellt wird, sollte doch jedem halbwegs intelligenten Lebewesen auffallen, dass E-Mail Absender, Antwort-Mail und angeblicher Firmenname selten bis niemals übereinstimmen. HERR WIRF HIRN VOM HIMMEL! NIEMAND hat Geld zu verschenken. Im echten Leben nicht und im Internet auch nicht.

Hat uns das Internet also dümmer gemacht? Manchmal habe ich den Eindruck. Die Menschen verhalten sich online so, wie sie es offline nie tun würden. Das Haus schließend wir ab, der Computer steht sperrangelweit offen. An der Tür kaufen wir nichtmal das Zeitungsabo, der fremdem Schönheit aus Nigeria schicken wir Geld für die kranke Tante.

Und ihr wundert euch, warum es immer beklopptere Ideen zur Überwachung und Regulierung gibt?

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