Der Tod Bin Ladens – kein Sieg der Humanität

Damit eines gleich klar ist: Nachdem ich den Beitrag von WELT-Korrespondent Richard Herzinger “Der Tod Bin Ladens – ein Sieg der Humanität” gelesen habe, wurde mir deutlich, warum sich gerade in den Leserkommentaren des Onlineangebotes der WELT immer so viel rechtskonservatives (und leider noch viel schlimmeres) Gedankengut wiederfindet. Da scheint die schreibende Zunft der Leserschaft in nichts nachzustehen. Der Beitrag trieft von amerikanischem Phatos, lässt den obligatorischen Rundumschlag gegen Grüne und Linke nicht aus und ist auch sonst in bestem Neocon-Talk gehalten. Ich kannte das Blog von Herzinger zuvor nicht. Aber schon beim ersten optischen Eindruck schwante mir übles. Der Artikel ist ein Schlag ins Gesicht für alle denen Begriffe wie Völkerrecht, Menschlichkeit und Rechtsstaatlichkeit noch etwas bedeuten. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, einzelne Passagen zu kommentieren. Kurz zusammengefasst: Herzinger regt sich darüber auf, dass die Deutschen es gewagt haben, Angela Merkels freudige Worte über den Tod Bin Ladens zu hinterfragen und sich auch sonst nicht zu Hurra-Rufen hinreißen ließen.

Der Tod Bin Ladens – ein Sieg der Humanität

Schon bei der Überschrift geht es los. Die Humanität habe gesiegt, schreibt Herzinger. Zu den humanitären Grundsätzen nach klassischer Definition gehören für mich neben der Achtung der Menschenrechte und vor allem des Völkerrechts prinzipiell noch so Dinge wie Pazifismus, also eine ethische Grundhaltung, Kriege grundsätzlich abzulehnen. Ich zwinge ja keinen, dieser Grundhaltung zu entsprechen, aber sich im Falle des Todes von Bin Laden auf die Humanität zu berufen, grenzt schon an einer Vergewaltigung des Begriffs an sich.

Damit eines gleich klar ist: Ich freue mich unbändig über den Tod Osama Bin Ladens.

Wen’s interessiert. Das steht Herrn Heinziger natürlich frei. Ein Christ wie Angela Merkel ist er offenbar nicht. Wenn doch, dann sollte er sich nochmal genauer mit dem Christentum beschäftigen. Es ist eben ein Unterschied, ob man sich nur so nennt oder es auch wirklich praktiziert. Ich selbst bin keiner, dennoch habe ich das Gefühl manchmal näher an den angeblich christlichen Grundwerten zu sein, als so mancher bekennender Christ. So auch Angela Merkel. Daher war ihre Äußerung auf jeden Fall unangemessen.

Nicht nur habe ich größtes Verständnis für den Jubel der Amerikaner über die hoch professionell und effektiv ausgeführte Aktion des US-Spezialkommandos, […] ich hätte auch gerne zusammen mit den Menschen am Times Square oder an Ground Zero über diesen Triumph der Humanität über das Prinzip totalitärer Massevernichtung gejubelt.

Herr Herzinger war beim Zugriff wohl direkt vor Ort. Wie sonst weiß er, dass alles Professionell und effektiv ablief? Von dem gecrashten Hubschrauber sehen wir mal rücksichtsvoll ab.

Und wenn er das mit dem Jubeln und Fahneschwenken so toll findet, bitte sehr. So manch Hinterbliebenen des Terroranschlags vom 11. September 2001 war nicht nach jubelschreien am Time Square zumute. Im Gegenteil. Es hat alte Wunden aufgerissen.

Das war wohl eher eine Spaßveranstaltung für weniger direkt betroffene. Denn ganz ehrlich: Was bringt es mir, mich darüber zu so euphorisch zu freuen? Ist die Welt jetzt sicherer? Wer das glaubt, glaubt wohl auch an den Weihnachtsmann. Aber vielleicht bin ich auch nicht so anfällig für so Massenjubelfeiern.

Und ich empfinde es als eine Schmach und als tief beunruhigend, dass hier in Deutschland nicht einmal ein Anflug solchen Jubels zu entdecken war.

Entschuldigung, den Meisten von uns war wohl nicht zum Flaggenschwenken zumute. Wir finden es schließlich auch befremdlich, wenn in irgend einem islamischen Land die Massen mal wieder gröhlend durch die Straßen ziehen. Irgendwie ist das nicht unser Ding. Höchstens beim Fußball machen wir da eine Ausnahme.

Statt dessen leistet sich dieses seltsames Land eine ebenso bizarre wie peinliche und bigott-selbstgerechte Debatte darüber, ob es denn ethisch vertretbar sei, sich “über den Tod eines Menschen zu freuen, auch wenn es ein Verbrecher, gar ein Mörder ist.”

Ah, die Merkel-Sache wieder: Bigott ist es, sich als Christ zu bezeichnen und sich dann über den Tod von Menschen zu freuen. Punkt.

Auch wenn! Als sei dies irgendein nebensächlicher, ergänzender Aspekt […] als habe es sich bei Osama Bin Laden um irgendeinen gewöhnlichen Kriminellen, um irgendeinen beliebigen Serienkiller oder Amokläufer gehandelt – die man übrigens auch hierzulande notfalls zu erschießen pflegt, ist eine gefahrlose Festnahme nicht möglich.

Ich kenne leider keinen Passus in unserem Grundgesetz noch in irgendeinem anderen Gesetz unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung, die da sagt „wenn es sich um einen Massenmörder und nicht nur um einen Serienkiller oder Amokläufer handelt, sind die Menschenrechte außer Kraft gesetzt.“ Wir sind doch schließlich diejenigen die der restlichen Welt immer wieder sagen, dass unsere freie Welt auf dem Grundprinzip der Rechtstaatlichkeit funktioniert. Und ganz nebenbei: Wieder einmal bestätigt Herzinger, dass er bei der Aktion wohl zugegen gewesen sein muss. Woher sonst die Gewissheit, dass die Navy-Seals gar keine andere Chance hatten, als Osama zu erschießen.

Eine absurdere Verehrung von moralisch-rechtlichen Maßstäben und Relationen lässt sich kaum mehr denken. Es war Osama Bin Laden, der Leben in wertes und unwertes schied.

Und deswegen dürfen wir unsere Vorstellungen von Recht und Moral auch mal kurz über Bord werfen? Dieses ungeheuerliche Vernichtungsprinzip hob Osama Bin Laden in eine andere Kategorie als die “gewöhnlicher” Kriegsverbrecher oder Menschenschlächter? Für mich sind Menschenschlächter Menschenschlächter und Kriegsverbrecher Kriegsverbrecher. Ihnen allen haftet Ungeheuerlichkeit und Unmenschlichkeit an. Ob nun Osama Bin Laden, Adolf Hitler, die Schlächter in Jugoslawien oder Ruanda, um nur ein paar Wenige aufzuzählen. Eine Kategorie noch oberhalb dieser Massenmörder, in der unvergleichlich nur ein Osama hineinpasst, existiert nicht.

Denn es etablierte eine diabolische Anti-Moral, die auf der absoluten Negation jeglicher Grundübereinkünfte basiert, die menschliches Zusammenleben überhaupt möglich macht und die in ihrer extremistischen Konsequenz allenfalls mit der nationalsozialistischen oder auch stalinistischen Vernichtungsideologie vergleichbar ist.

Junge junge, nun fährt er aber schwere Geschütze auf. Wer sich also bedingungslos auf die Einhaltung rechtsstaatlicher Grundprinzipien beruft, wer sich einfach nicht „freuen“ will und Flagge schwenkend auf die Straße rennen mag, wenn ein Mensch getötet wird. Und wer es zudem lieber gesehen hätte, dass man Osama einen Prozess nach rechtstaatlichen Prinzipien gemacht hätte, der “verehrt” moralisch-rechtliche Maßstäbe bis ins “absurde” und macht sich mitschuldig?

An dieser Stelle wird wohl so mancher bemerken wollen, warum ich Osama Bin Laden immer noch als Menschen bezeichne. So ein Massenmörder sei doch kein Mensch mehr und habe alle Grundrechte verspielt wird man mir entgegen halten.

Ich kann diese Meinung nach emotionalen Gesichtspunkten sogar verstehen. Aber zur Aufrechterhaltung eines funktionierenden Rechtsstaates ist es unabdingbar notwendig, einen Menschen immer als Menschen zu sehen. Sobald man ihm das Menschsein abspricht, begibt man sich auf den Pfad jenseits der Humanität und genau dann bereitet man den Weg für Vernichtungsideologien wie sie die Nationalsozialisten oder Stalinisten verfolgt haben. Hier verdeutlicht sich auch nochmal die Absurdität der Überschrift.

…mit der Tötung des Mordherren [ist] ein Stück Gerechtigkeit wiederhergestellt worden.

Herr Heinziger spricht hier wohl nur von gefühlter Gerechtigkeit auf einer sehr emotionalen Ebene. Aber wohl kaum von rechtsstaatlich herbeigeführte Gerechtigkeit. Den Hinterbliebenen der Terroranschläge aus der Feder des Osama Bin Laden wird durch die schnelle Beseitigung desselbigen kaum lange Befriedigung widerfahren. Die Toten werden dadurch auch nicht wieder lebendig und der Westen hat die große Chance verpasst zu zeigen, wie ernst wir unsere gebetsmühlenartig wiederholten Prinzipien von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit nehmen.

Aus demselben Grunde wäre es für den Großteil der Menschheit auch selbstverständlich gewesen, über ein gelungenes Attentat auf Adolf Hitler mit unbändiger Erleichterung zu jubeln.

Immer diese Vergleiche zum dritten Reich. Aber gut: Ich war zwar nicht selbst dabei, aber ich glaube die Menschen in Europa fühlten sich durch Adolf Hitler und seine Massenvernichtungsmaschinerie etwas akuter bedroht, als vor einem Osama Bin Laden, der seit 10 Jahren als Phantom durch die Medien geisterte. Meine Großmutter, das kann ich versichern, hatte während des zweiten Weltkriegs auf jeden Fall mehr Angst, als sie es in den vergangenen zehn Jahren hatte.

Oder hätte sich ein Herr Schönenborn vom Westdeutschen Rundfunk, wäre es Stauffenberg gelungen, Hitler zur Hölle zuschicken, auch […] vor eine Kamera gesetzt, um […] darüber zu dozieren, dass es rechtstaatlich unzulässig und eines zivilisierten Landes unwürdig sei, einen Mörder “einfach abzuknallen”?

Der Vergleich hinkt aber gewaltig. Die Attentäter um Stauffenberg waren Freiheitskämpfer und nicht offiziell beauftragte Spezialisten eines sich selbst Rechtsstaat schimpfenden Landes. Bitteböse Ironie der Geschichte: Früher nannte man sie selbstverständlich Terroristen und machte kurzen Prozess mit ihnen. Die haben sich im übrigen auch nicht zuvor jahrelang hingestellt und der ganzen Welt was von Freiheit, Demokratie und Menschenrechte gepredigt. „Land of the Free“, „God’s own Country“ und all diese hohlen Phrasen. Sorry, ich bin Europäer, ich kann mit diesem patethischen Scheiss nichts anfangen.

Hätten die Verschwörer des 20. Juli ihr Vorhaben in die Tat umsetzen können […] hätten sie damit stellvertretend für die gesamte Humanität gehandelt, so wie das US-Spezialkommando jetzt im Auftrag der gesamten Humanität gehandelt hat.

Auweia. Die Humanität höchst persönlich hat die Navy-Seals beauftragt, Osama Bin Laden zu erschießen. Herzinger hält es da wohl ähnlich wie Erich Mielke, damals als DDR-Armeegeneral. Der hat mal gesagt: „Kurzer Prozess. Weil ich ein Humanist bin. Lieber Millionen Menschen vorm Tode retten, als wie einen Banditen leben lassen. […] Das ganze Geschwafel von wegen nicht Hinrichtung und nicht Todesurteil – alles Käse, Genossen. Hinrichten, wenn notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“ (aus: Erich Mielke – ein deutscher Jäger)

Nun würde ich Herzinger nicht gerade in die ideologische Ecke eines Erich Mielke stecken wollen, aber so weit unterscheiden sich da wohl die Auffassungen nicht. Aber wollen wir so ein Wertesystem zurück? Ich hoffe doch nicht.

Und irgendwie passt Herzinger wohl nicht, dass wir deutschen nach den zwei Weltkriegen offenbar etwas nachdenklicher geworden sind.

Früher, könnte man in Abwandlung eines Bonmots des Essayisten Wolfgang Pohrt sagen, hat Deutschland der Welt den Krieg erklärt. Heute erklärt es ihr die Moral.

Soll ich ganz ehrlich sein? Genauso bin ich erzogen worden. Nicht nur durch meine Eltern. Auch die staatliche Schulbildung hat mir immer wieder eingetrichtert: Krieg ist Böse. Nie wieder Krieg. Niemals vergessen was geschehen ist. Dazu brachte man uns in verschiedensten Schuljahren nach Dachau oder Theresienstadt. Ich war auch in Auschwitz-Birkenau und stand dort in den Gaskammern. Erschreckende Orte. Unvorstellbar. Für mich war klar: Nie wieder darf einer solchen Verachtung für menschliches Leben der Boden bereitet werden.

Wenn ich durch diese Erfahrungen eine etwas differenziertere Moralanschauung habe, dann kann ich darin nichts Schlechtes erkennen und bin verdammt nochmal stolz darauf. Oder anders gesagt: ENTSCHULDIGUNG, wenn ich dadurch etwas kritischer und nachdenklicher geworden bin und keinen Bock habe, Fahnenschwenkend irgend welchen Massen hinterher zu rennen, um den Tod von jemadem zu bejubeln, den ich nur aus dem Fernsehen kenne.

Offenbar haben wir Deutschen (sicherlich nicht alle) aus unseren Fehlern gelernt. Und wenn uns das nachdenklicher und zögerlicher macht und wir nicht bei jeder Gelegenheit jubelnd auf die Straße ziehen, dann ist das gut so! Diese selbstkritische Aufarbeitung ihrer Geschichte kann man ja nicht von allen Völkern behaupten, die Massenmorde in ihrer Vergangenheit zu verantworten haben.

Davon ist unberührt, dass die Tötung Bin Ladens womöglich nur die zweitbeste Lösung nach seiner Gefangennahme und Aburteilung vor Gericht war.

Nanu? Einsicht? Die dunkle Seite der Macht ist stark in ihm, aber es scheint, als sei die Hoffnung noch nicht ganz verloren.

Steht allerdings zur Alternative, dass er inmitten eines hitzigen Gefechts […] hätte entweichen und seine Verbrechen weiterführen können.

Jeder Gefangene kann entweichen und unter Umständen seine Untaten weiterführen. Das genau dies nicht passiert, zeichnet eine wahrlich professionelle und gelungene Operation aus. So ist das nunmal. Oder kommt jetzt wieder diese aus reiner Emotionalität getriebene Einstufung zum Superverbrecher, für den man die eigenen Prinzipien außer Kraft setzen darf?

Mittlerweile sind in der deutschen Öffentlichkeit aber längst die USA statt Osama Bin Laden auf die Anklagebank gerückt.

Jetzt kommt Herzingers Rückzug in die Opferrolle.

Was für eine Art von Völkerrecht sollte denn das bitte schön sein, das es erlaubt, dass sich der Anführer einer illegalen Armee, die nicht nur den USA, sondern einem großen Teil der Welt den totalen Vernichtungskrieg erklärt hat, zehn Jahre lang ungestraft in einem anderen Land verstecken und unbehelligt seine Kriegsoperationen leiten kann?

Illegale Armee. Wer definiert hier eigentlich welche Armee legal, und welche illegal ist? Das ist ja bestes Bush-Neusprech vom „unlawful combatant“. Und indem man irgend eine Armee (Ist Al-Kaida überhaupt eine Armee?) als „illegal“ erklärt, hebelt man auch gleich das Völkerrecht aus, weil man dann wunderbare Ausnahmen geschaffen hat? Frei nach dem Motto: Weil sich der eine sich nicht ums Völkerrecht schert, nehme ich ein paar neue Wortkonstrukte und dann brauche ich das auch nicht.

Dann lieber gleich zur Hölle mit dem ganzen Völkerrecht. Vergessen, warum wir solche Grundsätze aufgebaut haben? Sicherlich nicht, damit wir sie bei der ersten kniffeligen Situation über Bord werfen. Erinnert mich ein wenig an den Jungen in der Schule, der den Müll nicht wegräumen will. „Ich hab das da doch nicht hingeschmissen“. Ne, aber wenn alle so denken und keiner aufräumt, dann ersticken wir bald alle im Dreck.

Und es ist ja nicht so, als ob die USA nicht längst gewusst haben, wo die kleinen Terroristen herangezogen werden. Schon scheiße, wenn man sich, statt Bin Laden ausfindig zu machen, lieber jahrelang mit dem Irak beschäftigt. Ein Krieg, der aus einem Lügengebäude entstanden ist. Aber Herzinger kriegt es in einem anderen Beitrag sogar hin, den Irak-Krieg als “Urknall der demokratischen Erhebung in der Region” zu bezeichnen und die USA damit nachträglich doch noch als die Heilsbringer für Demokratie in der arabischen Welt zu stilisieren. Frei nach Pippi Langstrumpf: Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.

Ja, Saddam war ein mieser Kerl, aber es gibt noch hundert andere miese Kerle auf diesem Planeten. Die rühren wir ja auch nicht an. Schaut mal wie sie Ghaddafi mit der Kneifzange aus weiter Entfernung und nur weil es jetzt irgendwie anders nicht mehr geht halbherzig auf die Pelle rücken. Gebt es zu, wir haben uns verzettelt. Uns zu sehr von unseren wirtschaftlichen Interessen leiten lassen. Und jetzt glaubt uns der Rest der Welt unser Geschwafel von Demokratie und Freiheit mittlerweile nicht mehr.

Und dann, gleichsam als Refrain, folgt noch das krönende, scheinbar realpolitisch ausgebuffte Argument: Man habe mit der Tötung Bin Ladens den Terrorführer doch bloß “zum Märtyrer gemacht”, und es sei jetzt eher mehr statt weniger Terror zu erwarten.

Ist es nicht so? Die Racheschwüre klingen ja schon an. So ließ Al-Kaida bereits verlauten: “Congratulations to the Islamic Nation on the martyrdom of their devoted son Osama”. Die Flaggen für die inszenierten Verbrennungen nach dem Freitagsgebet wurden sicherlich längst gemalt. Weniger Terror ist mit der Tötung von Bin Laden auf jeden Fall nicht zu erwarten. Wer das glaubt, ist entweder dumm, naiv oder ideologisch verblendet.

Mir scheint, bei dem notorischen “Märtyrer”-Argument ist der geheime Wunsch Vater des Gedankens.

Ja ne ist klar. Wenn’s demnächst irgendwo wieder knallt – und davon ist leider auszugehen – dann kann man den Mahnern das am Ende auch noch zum Vorwurf machen? Sie am besten auch noch als „Terrorbefürworter“ oder „Vaterlandsverräter“ abstempeln? Herzinger schreibt in bester Bush-Manier: You’re either with us, or against us.

Schwarzweißdenken at it’s best. Ich renne nicht mit der Flagge auf die Straße und schreie USA! USA! Also kann ich ja nur ein Kommunist, Linker oder naiver Gutmensch sein. Ich frage mich sowieso, wie Herzinger es geschafft hat, im gesamten Text auf das Wort „Gutmensch“ zu verzichten. Seinesgleichen wirft damit ja sonst in notorischer Regelmäßigkeit damit um sich.

Allerdings hat er sich bis hier bereits schon über die sonst typischen Feindbilder wie Grüne und die Linke ausgelassen. Die sind ja eh immer an allem Schuld. Daher habe ich mir auch nicht die Mühe gemacht, diesen Teil noch zu kommentieren.

Es ist die deutsche Öffentlichkeit selbst, die drauf und dran ist, Osama Bin Laden posthum zum Märtyrer, zum Opfer rechtstaatswidriger Rachegelüste der bösen, unzivilisierten USA zu machen.

Schwachsinn!

Es kann in diesem Zusammenhang übrigens auch nicht mehr verwundern, dass in dieser wachsenden Stimmung antiamerikanischen Ressentiments diversen Kommentatoren immer wieder die antisemitische Wendung von der “alttestamentarischen Rache” entfährt.

Antisemit! Her hats gebracht. Antisemit. Ich fass es nicht. Darauf habe ich gewartet. You’re either with us or against us. Und wenn Du uns nicht bejubelst, es gar wagst, kritisch zu sein, dann hegst Du antiamerikanische Ressentiments oder bist gar ein Antisemit. Die Keule fliegt aber heftig bei Herzinger. Aber was Herzinger hier macht, ist nicht der Versuch der sachlichen Argumentation. Es ist einfach Faulheit, sich mit der Kritik inhaltlich auseinander zu setzen. Viel einfacher ist es, jemanden irgendwelche Ideologien vorzuwerfen. Damit lenkt man auch so schön vom eigentlichen Thema ab.

Betrachte ich die armseligen Reaktionen auf diese Sternstunde der Verteidigung und Selbstbehauptung der freien Welt, kann ich genau dies leider nur über mein eigenes Land, über Deutschland sagen.

Die Osama Aktion eine Sternstunde der Verteidigung und Selbstbehauptung der freien Welt. Sülz, Blah, Nichtsaussag. An Pathos fehlt es Herzinger nicht, das muss man ihm lassen. Ja, mit dieser Einstellung passt er auch nicht so gut zu Deutschland. In der Tat. Schluss aus. Mehr kommentiere ich hier von ihm nicht.

Abschließend

Ich verstehe durchaus, dass es nicht unbedingt möglich war, Osama bei der Aktion lebend zu schnappen. Nur, ich war nicht dabei.

Ich kann nicht beurteilen ob die Möglichkeit bestanden hätte. Ich weiss nicht, ob die Navy alles versucht hat, dem Kerl lebend habhaft zu werden. Vielleicht fühlten sich die Soldaten in der sicherlich gefährlichen Situation bedroht und haben zum eigenen Schutz lieber abgedrückt als abgewartet. Das ist durchaus legitim.

Vielleicht hatten Sie Osama aber auch schon dingfest gemacht und ein übereifriger Soldat wollte unbedingt derjenige sein, der dem Staatsfeind Nummer 1 endlich die Rübe wegschießt. Er konnte sich ja sicher sein, dafür nie zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Nur, wir werden die Wahrheit nie erfahren. Das ist am Ende auch alles egal.

Und was die Fotos angeht: Auch ich hätte die Fotos von Osama niemals veröffentlicht. Wozu auch? Diejenigen, die an seinem Tod zweifeln und lieber einer Verschwörungstheorie anhängen, würden sich auch von Bildern nicht überzeugen lassen.

So können die Fotos den USA nur mehr schaden als nützen. Obama hat da also richtig gehandelt.

Aber es ist nicht richtig, sich als Bundeskanzlerin und bekennende Christin so offen über den Tod von Menschen zu freuen.

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