Drei Tage digitales Leben: Die Tops und Flops der re:publica

Wie erklärt man die re:publica? Ein Blogger-Treff? Eine Social-Media Konferenz? Oder ist es nur eine „Internet Messe“, von der Moderatorin Anne Geesthuysen im ARD Morgenmagazin sprach? Irgendwie trifft es zu und dann auch wieder nicht. Die re:publica ist weit mehr als das. Aus der ganzen Welt reisen einmal pro Jahr Unternehmer, Wissenschaftler, Aktivisten, Visionäre und ja, auch Weltverbesserer, nach Berlin. Sie alle eint eine Eigenschaft: Ihre Ziele mit Hilfe modernster Kommunikationstechnologien zu erreichen.

Es stimmt schon, die re:publica ist ein bisschen „Nerdistan“. An den drei Konferenztagen tummeln sich auf engstem Raum wohl mehr Smartphones, Tablets und Notebooks als Tina Turner Haare auf dem Kopf hat. Austragungsort ist schon seit Jahren die „STATION Berlin“, 1875 noch als „Dresdener Bahnhof“ für die Bahnstrecke zwischen Berlin und Dresden eröffnet, ist die Station heute ein großflächiges Veranstaltungszentrum mit sieben Hallen am Tempelhofer Ufer, unweit des Potsdamer Platzes.

Hinter den Kulissen der re:publica.

Hinter den Kulissen der re:publica.

Man täte der re:pulica aber großes Unrecht, sie nur als Klassentreffen der viel zitierten „Netzgemeinde“ abzutun. Wer ist denn diese Netzgemeinde überhaupt? Klar zwar, dass die Stars der Szene wie Sascha Lobo, vielfach herumgereichter Web-Spezi und Kolumnist bei Spiegel Online, nicht fehlen dürfen. Auch klar, dass die Pläne der Telekom, Internetflatrates zu drosseln, ein heiß diskutiertes Thema darstellten. Doch zu behaupten, die Szene beschäftige sich auf der re:publica vor allem mit sich selbst, täte ihr Unrecht: Die wahre Vielfältigkeit erkennt man anhand des breit gestreuten Themenspektrums: Von Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie über Politik, Gesellschaft bis hin zu Ausbildung, Kultur und Medien.

Schade, dass die re:publica in der – vorsichtig formuliert – „netzfernen Schicht“, immer noch als Geek-Treffen der Facebook-Generation gesehen wird. Sie bietet so viel mehr

Innovationsmotor Afrika

Wenn bis zum 4. Juni 125.000 US$ eingesammelt werden, geht BRCK in Serie

Wenn bis zum 4. Juni 125.000 US$ eingesammelt werden, geht BRCK in Serie.

Schon die Eröffnungs-Keynote von Erik Hersman „Innovating Africa“ bot die perfekte Horizont-Erweiterung: Hersman ist im Sudan aufgewachsen und lebt heute in Kenia. Während der Unruhen 2008 gründete er zusammen mit anderen die Non-Profit-Organisation „Ushahidi“ (Suaheli für „Zeugnis, Augenzeuge“). Per Handy konnte damals jeder, der kriminelle Handlungen beobachtete, eine Kurzbeschreibung des Vorfalls und die Koordinaten an die Ushahidi-Webseite übermitteln. Dort wurden alle Reports auf einer grafisch überschaubaren Landkarte aufgelistet. So entstand eine bislang nie dagewesene öffentliche Plattform, die in Echtzeit die Unruhen in Kenia auf einzigartige Art und Weise dokumentierte.

Heute entwickelt Hersman Technologie, die sich besonders im Einsatz in Afrika eignet. Sein aktuelles Projekt ist „BRCK“ (sprich „Brick, oder Stein“), ein batteriegepufferter Internet-Router, der via Mobilfunkanschluss auch dann für eine Onlineverbindung sorgt, wenn im Büro mal wieder der Strom ausfällt. Über die Crowdsourcing-Plattform „Kickstarter“ sammelt Hersmann derzeit Geld von freiwilligen Investoren, um das Produkt in die Serienproduktion zu bringen. Über 60.000 US-Dollar hat er bereits zusammen, doch nur wenn das Projekt bis zum 4. Juni insgesamt 125.000 US-Dollar einsammeln kann, wird es in Serie gehen können.

Eine Geschäftsidee hat auch die Journalistin Beate Wedekind. Die ehemalige Chefredakteurin der Zeitschrift BUNTE lebt heute mal in Berlin, mal in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Auf der re:publica stellte sie ihr Startup „The New Africa“ vor. Ihr Ziel sei es, so Wedekind, eine journalistische Plattform zu schaffen, die den Menschen einen anderen Blick auf Afrika ermöglicht, als die stereotypen Bilder von Hunger, Krieg und Elend. Denn es geschehe längst viel mehr in Afrika. Es boomt, die Menschen gründen Unternehmen und gerade der Mangel an für uns selbstverständliche Ressourcen inspiriere die Menschen zu unvergleichlicher Kreativität.

Die Menschen für Astronomie begeistern: Dr. Carolina-Ödman Govender bei ihrem Vortrag "Crowdsourced Astronomy"

Die Menschen für Astronomie begeistern: Dr. Carolina-Ödman Govender bei ihrem Vortrag „Crowdsourced Astronomy“

Überhaupt war Afrika auf der diesjährigen re:publica stark vertreten. So stellte die Astrophysikerin Dr. Carolina Ödman-Govender aus Südafrika in der Session „Crowdsourced Astronomy“ das sich derzeit in Entwicklung befindliche weltweit größte Radioteleskop der Welt, das „Square Kilometre Array“ vor. Sie verdeutlichte, wie moderne Internet-Technologien der Wissenschaft heute dabei helfen, mit den schier unglaublichen Mengen an wissenschaftlichen Daten, die die moderne Forschung heute sammeln kann, überhaupt fertig zu werden. So werden interessierte Menschen weltweit via Internet an der Datensichtung beteiligt. Das spart nicht nur Zeit und Geld, sondern macht Wissenschaft für jedermann erfahrbar.

Die Tops und Flops der re:publica

Ein echtes Highlight lieferte Johannes Kleske mit seinem Beitrag „Das Ende der Arbeit – Wenn Maschinen uns ersetzen“: Immer ausgefeiltere Technologie dringt jeden Tag ein Stückchen weiter in unsere Arbeits- und Lebensbereiche vor. Und wenn sie unseren Job nicht gleich ganz übernehmen, analysieren sie unsere Arbeit doch immer detaillierter auf Effizienz. Doch wo führt uns das hin? Massenarbeitslosigkeit oder heile Welt? In der Vergangenheit haben neue Technologien zwar alte Jobs ersetzt, aber gleichzeitig auch ganz neue Arbeitsplätze erschaffen. Doch geht das endlos so weiter? Eine Bestandsaufnahme zeigt: Nach der Wirtschaftskrise 2008 haben sich die Gewinne vieler Unternehmen schnell wieder erholt, nur die Menschen scheinen dabei auf der Strecke geblieben zu sein. Ist technologischer Fortschritt also der Holzweg? Oder müssen wir einfach lernen, Technologien für und nicht gegen unser aller Nutzen einzusetzen. Kleske lieferte auch einen nachdenklich machenden Einblick in den Ist-Zustand: So berichtete er über Unternehmen, die bereits heute ihre Angestellten mit elektronischen Armbändern ausstatten. Diese messen deren Effektivität, um eventuelle Bonuszahlungen zu ermitteln. Bei aller Begeisterung für das technisch mögliche: Kleske fordert in seinem Vortrag den „kritischen Geek“, ein zwar der Technologie positiv zugewandter Mensch, der die Möglichkeiten dennoch hinterfragt und nicht alles blind bejubelt.

Raus Raus der Rolle - Behinderung im Fernsehen. V.l.n.r.: Raul Krauthausen, erwin aljukic, Martin Fromme, Ninia Binias, Moderation: Lilian Mahsur.

Raus Raus der Rolle – Behinderung im Fernsehen. V.l.n.r.: Raul Krauthausen, Erwin Aljukic, Martin Fromme, Ninia Binias, Moderation: Lilian Mahsur.

Raul Krauthausen, erst kürzlich für sein Engagement im Sozialhelden e.V. mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und derzeit Werbeträger der Aktion Mensch punktete bei mir vor allem mit einer Diskussionsrunde zum Thema „Raus aus der Rolle – Behinderung im Fernsehen“. Zusammen mit Schauspieler und Modeblogger Eric Aljukic, Fans der ARD Seifenoper „Marienhof“ als Frederic Neuhaus bekannt, dem Comedian Martin Fromme, Social Media Managerin Ninia Binias und der Projektleiterin des Webportals „Leidmedien.de“ ging es um die Darstellung behinderter Menschen im Fernsehen. So bemängelte Martin Fromme, dass vor allem im deutschen Fernsehen sich viele Produzenten immer noch nicht trauen, den Zuschauern behinderte Menschen vorzusezten, wenn es die Rolle selbst gar nicht verlange. So beklagte Aljukic, dass er im Marienhof immer wieder die Zeile „weil ich ein Krüppel bin“ im Drehbuch fand und auch sonst seine Rolle recht reduziert dargestellt wurde. Irgendwann wurde ihm die Fokussierung auf immer das gleiche Thema dann zu bunt.

Gesellschaftskritisch ging es bei Tanja und Johnny Haeusler, beide Mitbegründer der re:publica, zu. In der kurzen Session „Netzgemüse: The Kids are alright“ prangerten Sie den Umgang der Gesellschaft mit den Kindern an. Kinder, die von Anfang an „funktionieren“ müssen. Und zwar schon vor der Geburt durch Selektion mit der in die Mode gekommen Pränatal-Diagnostik, über den Trend zur Kindererziehung durch „Profis statt Eltern“ bis zu einem verstaubten Schulsystem. Kurzum, einer von Anfang bis Ende auf Erfolg und „angepasst sein“ getrimmten Leistungs- und Ellenbogengesellschaft. Wenn sie schon in der realen Welt kaum noch Platz bekämen, dann solle man sie wenigstens im Internet in Ruhe lassen. Dort können sie ihrer Kreativität noch freien Lauf lassen und kennen sich eh besser aus als die Eltern. Eigentlich wollten die Haeuslers ja ihr neues Buch „Netzgemüse“ vorstellen, hieß es. Doch nun habe man das Konzept umgeworfen, um einmal im „Quadrat zu kotzen“. Auch das ist re:publica.

Lichter, Töne, Schatten

Lichter, Töne, Schatten „Quadtone Expanded“ mit Sounddesignerin Mariska de Groot.

Eine Begegnung der Dritten Art lieferte das „Dorkbot Special“, moderiert von TV-Produzent Mario Sixtus. „People doing strange things with electricity“ heißt es unter www.dorkbot.org. Die englischsprachige Wikipedia hingegen beschreibt Dorkbot als weltweite Graswurzelbewegung von Künstlern, Ingenieuren, Wissenschaftlern, Designern, Erfindern oder einfach Leuten, die aus technischen, meist elektrisch angetriebenen Dingen, Kunst zu machen verstehen. Neben der „Trennstrickmaschine“, die oben einen Strickschlauch produzierte, der unten gleich wieder aufgeribbelt wird um den Wollfaden oben gleich wieder einzuarbeiten, war es vor allem die optische Sounddesignerin Mariska de Groot, die mit ihrer „Quadtone Expanded“ Performance mit allerlei seltsamen Gerätschaften den Zuschauersaal in ein phantastisches Meer von Licht-, Schatten und Tonreflexen zu tauchen wusste. Ein Lichtstrahl fällt dabei durch sich drehende grafisch gemusterte Scheiben, die wiederum von lichtempfindlichen Lautsprechern „ausgelesen“ werden und je nach Tempo einen anderen Ton produzieren. Kurzzeitig schien die Performance zu kippen, da vermutlich unachtsame Teilnehmer immer wieder den Lichtschalter betätigten und de Groots Nerven sichtlich strapazierten.

Wikimedia Vorstand Pavel Richter (r.) und Admin Dirk Franke (l.) wollten für mehr Verständnis werben. Mit zweifelhaften Erfolg.

Wikimedia Vorstand Pavel Richter (r.) und Admin Dirk Franke (l.) wollten für mehr Verständnis werben. Mit zweifelhaften Erfolg.

Misslungen hingegen die Session des Wikimedia e.V. Der Berliner Verein ist für die Inhalte der deutschen Version der Wikipedia verantwortlich. Unter dem Titel „Wikipedia: wo User geblockt, Artikel gelöscht und Reputationen zerstört werden“ wollte man einen kleinen Einblick hinter die Kulissen geben. Die Schwierigkeiten, die es beim Verifizieren von Einträgen gibt, und auch ein wenig für Verständnis werben, wenn nicht jeder Eintrag in der Wikipedia bestehen bleiben kann. Der Hintergrund: Im Jahre 2009 geriet Wikimedia mit der „Relevanzdebatte“ unter erheblichen Beschuss, da die Online-Enzyklopädie nach Meinung ihrer Kritiker Einträge angeblich wahllos mit der Begründung „irrelevant“ löschte.

Doch Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland und Anja Ebersbach, stellvertretende Vorsitzende, verpassten die Chance auf mehr Verständnis für die sicherlich nicht immer leichte Arbeit: Sie präsentierten auf der Bühne den in der Szene bekannten Wikipedianer Dirk Franke, der in seinem Vortrag prompt alle Klischees des „selbstherrlichen Wikipedia-Admins“ erfüllte.

Mit einbetoniertem Lächeln verkündete er, fast alle Artikel,die man lösche, seien ohnehin „Schrott“. Als Beleg für den Schrott mussten dann Banalitäten, ein Wikipedia-Eintrag mit dem Inhalt „Kaka“ herhalten. Wer hätte da widersprechen wollen. Doch kritische Nachfragen aus dem Publikum perlten an dem Berliner Politologen teflonartig ab. Schließlich sprang Richter ein und gab zu, damals sei nicht alles optimal gelaufen. Als dann Anja Ebersbach bei der Frage, warum weitaus mehr Männer als Frauen bei Wikipedia mitschreiben, die These aufstellte, es könne vielleicht an dem etwas komplexen Editor liegen, war es mit der Contenance einiger Zuhörerinnen vorbei. Lust zum Mitschreiben macht so eine Vorstellung nic

Dieter Zetsche entspannt und gut gelaunt auf der re:publica.

Daimler Vorstandschef Dieter Zetsche entspannt und gut gelaunt auf der re:publica.

Ähnlich enttäuschend das Interview mit Daimler Vorstandschef Dieter Zetsche. Als einer der Hauptsponsoren der re:publica war der Auftritt des Top-Managers natürlich ein Publikumsmagnet. Doch der Moderator spulte die Fragen im prallgefüllten Saal wie von einem Einkaufszettel herunter und beantwortete manches gleich selbst. Das war für Zetsche, der auf Daimler-Hauptversammlungen Fragen ganz anderen Kalibers gewohnt ist, wie ein Kindergeburtstag: Sichtlich gut gelaunt gab er auch mal ein „das haben Sie jetzt sehr gut erklärt“ als Antwort zurück. Das war kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern gleich der ganzen Gartenhecke. Hier hätte man sich mehr Professionalität gewünscht. So blieb auch nicht mehr viel Zeit für die Publikumsfragen, bei denen die Show dann erst richtig interessant wurde. Schade. Chance vertan.

Mein persönliches Fazit

Auf der re:publica sprudelt es von Ideen, Kreativität und Enthusiasmus.. Vereinzelt noch etwas halbgar vorgetragen, aber dennoch ein perfekter Ort zum Netzwerken und Inspirationen sammeln. Der perfekte Ort, den sich auch Menschen ohne Twitter- oder Facebook-Account durchaus einmal anschauen sollten. Hier treffen Digital Natives und Digital Immigrants zusammen. Es wäre schön, jetzt auch ein paar Digital Newbies für die re:publica zu begeistern. Nur über eines muss man sich im Klaren sein: Auf der re:publica bleibt die Krawatte zuhause!

Surftipp zu re:publica 2013

michaelkreil.github.io/republicavideos
Der Veranstaltungsplan mit den jeweils verlinkten Videos der re:publica zum „nachsehen“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 10. Mai 2013 unter blog.qsc.de erschienen und hier von mir in einer erweiterten Version veröffentlicht.

 

2 Comments

  1. Einen tollen Bericht hast du da geschrieben, spiegelt in vielem meine Eindrücke wieder! Hat mir auch Anstoß für viele neue Perspektiven und Denkrichtungen gegeben, auch wenn einiges noch ein bisschen abstrakt war. Als nächstes werde ich einmal bei IFRA 2013 in Berlin vorbei schauen, das ist dann doch nocheinmal der Blick auf die Dinge „mit Krawatte“, im Gegensatz zur re:publica ;) Lg, Doro

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