Maulkorb für wikipedia.de

Wikipedia LogoDas war eine Überraschung: Die deutsche Webadresse wikipedia.de linkt nicht mehr auf die deutschsprachige Version des freien Nachschlagewerks unter de.wikipedia.org. Grund ist eine einstweilige Verfügung des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg, die dem Wikimedia Deutschland e.V. als Inhaber der Domain die Weiterverlinkung untersagte.

Die Internetgemeinde spekulierte lange, ob die neuerliche Verfügung mit der einstweiligen Verfügung vom 14. Dezember 2005 gegen die amerikanische Wikimedia Foundation zusammenhängt, die vom gleichen Amtsgericht auf Drängen der Eltern des verstorbenen Computerhackers Boris Floricic erlassen wurde, da sie die Veröffentlichung des vollen Namens nicht wünschen. Da die Wikimedia Foundation aber ihren Sitz in Florida hat verblieb der monierte Artikel unverändert in der deutschsprachigen Version des Internet-Nachschlagewerk, dessen Inhalte ebenfalls auf Webservern außerhalb Deutschlands liegen.

Nun wurde bekannt, dass die aktuelle Sperrung der Webseite wikipedia.de tatsächlich auf Drängen der Eltern des Verstorbenen durchgeführt wurde. Floricic, bekannt im Internet unter seinem Pseudonym „Tron“, nach dem gleichnamigen Sci-Fi Klassiker „TRON“ aus dem Jahre 1982 von Steven Lisberger wurde 1998 tot in einem Berliner Stadtpark aufgefunden.

Während die offizielle Version seines Todes Selbstmord durch erhängen lautet, ranken sich Gerüchte um „Tron“, der sich einen Namen mit dem Entschlüsseln von Pay-TV und Telefonkarten gemacht hat, er sei ermordert worden.

So entwickelte der junge Computerspezialist Methoden zur Simulation von Telefonkarten, die von Kartentelefonen wie eine echte Telefonkarte akzeptiert wurden. Die Telekom änderte daraufhin das verwendete Protokoll. Tron wurde bei dem Versuch, ein Kartentelefon zu knacken von der Polizei erwischt und 1995 in einem Verfahren zu 15 Monate Haft auf Bewährung verurteilt.

Im Rahmen seiner Diplomarbeit entwickelte Boris Floricic später unter dem Namen „Cryptophon“ ein ISDN-Telefon mit integrierter Verschlüsselung. Bevor er jedoch das günstig herzustellende Produkt tauglich für den Massenmarkt machen konnte, wurde er tot aufgefunden.

Als Motiv für die Mordtheorie wird seine Forschung auf den Gebiet der Verschlüsselung genannt. Seine Mörder vermuten die Zweifler der Selbstmordtheorie in Geheimdienstkreisen oder der organisierten Kriminalität.

Postmortale Persönlichkeitsrechte?

Wikipedia beruft sich bei der Veröffentlichung des Namens auf die Pressefreiheit und darauf, dass Tron durch seine Geschichte längst zu einer öffentlichen Person geworden ist.

So sieht es auch aus: Selbst ein Buch ist bereits über das Leben von „Tron“ erschienen. In dem gleichnamigen Buch „Tron – Tod eines Hackers“ (221 Seiten – Rowohlt Taschenbuch, 2000, ISBN: 349960857X) beleuchtet Burkhard Schröder das Leben und den Tod von Boris Floricic:

Boris F., in der Szene Tron genannt, wird in Berlin tot aufgefunden. Er war einer der genialsten Hacker Europas. Er bewies, daß Telefonkarten fälschbar sind, entwarf den Bauplan für ein abhörsicheres Telefon und arbeitete an einer Smartcard, die alle Pay-TV-Sender Europas freischalten konnte. Burkhard Schröder auf den Spuren eines Daten-Zauberers, der die Pläne von Politikern, Konzernen, Geheimdiensten und organisierten Verbrechern durchkreuzen konnte.

Während Schröder allerdings den vollen Namen von Tron nicht verrät, ist dieser jedoch in dem Buch Hacker Contest (Axel Springer Verlag, 2000, ISBN: 354041164X) von Markus Schumacher, Utz Roedig und Marie-Luise Moschgath auf Seite 87 nachzulesen.

Auch Floricics Diplomarbeit mit dem Titel „Realisierung einer Verschlüsselungstechnik für Daten im ISDN B Kanal“ ist mit einer Google-Suche im Internet auffindbar.

Sinn und Unsinn der einstweiligen Verfügung

Wenn die Eltern mit dieser Aktion verhindern wollten, dass der reale Namen ihres Sohnes bekannt wird, dann werden Sie mit dieser Aktion genau das Gegenteil erreicht haben. Denn seitdem Medien wie Spiegel Online oder heise.de über die Sperrung berichtet haben, dürften die Suchaufrufe im Internet nach Tron explodieren.

Auch bei der Berliner Rechtsanwaltskanzlei Sören Siebert ist man dieser Auffassung. Auf der Webseite eRecht24 heisst es in einem aktuellen Artikel:

Die Erwirkung von rechtlichen Schritten hat inzwischen dazu geführt, dass “Tron” wieder in aller Munde ist und in vielen Artikeln und Berichten bei seinem vollen Namen genannt wird. Auch ist der Name bei google sehr schnell zu finden.

Bei der Kanzlei Siebert hielte man ein entgültiges Verbot der Nennung des vollständigen Namens für problematisch:

Die Nennung des vollständigen bürgerlichen Namens von “Tron” stellt keine Verunglimpfung seiner Person oder eine verfälschende Darstellung seiner Aktivitäten dar. Auch wenn die Publizierung für die Eltern unangenehm sein mag, so darf aus zeithistorischen Gründen doch nicht auf sie verzichtet werden.

Aber nicht nur die zu erwartenden gegenteiligen Effekte wirken bereits gegen den eigentlichen Wunsch der Eltern. Die Sperrung einer Webadresse, die lediglich eine Weiterverlinkung auf die offizielle, noch erreichbare Webadresse darstellt, ist nicht Zielführend. Ob nun wikipedia.de oder de.wikipedia.org macht für den Internetnutzer keinen großen Unterschied. Und eine einfache Google-Abfrage mit den Begriffen „tron realname“ bringt das gewünschte Ergebnis über den vollständigen Namen des Toten.

Nachtrag: 20.01.2006
Wikipedia.De ist bis zur entgültigen gerichtlichen Entscheidung gegen 500,00 „Kaution“ wieder online.

Wir rechnen damit, dass das Gericht in der Kalenderwoche 5 über unseren Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung entscheidet, und hoffen, dass dann die einstweilige Verfügung endgültig aufgehoben wird.

…lässt die Webseite zur Zeit verlauten.

Surftipps:
Streit um Tron, darf man einen Hacker beim Namen nennen?
SPIEGEL ONLINE

Rechtsstreit um postmortalen Persönlichkeitsschutz eines Hackers
eRecht24.de

Das postmortale Persönlichkeitsrecht: Streit um Tron alias Boris F.
Kanzlei Semowa, Berlin

Tronland.ORG
Webseite befasst sich mit dem Leben und Sterben von Boris F. aka Tron

Ein Kommentar

  1. Dieser Spezi ist doch Allgemeingut. Da können seine Eltern sich auf den Kopf stellen – das einzige, was sie dadurch erreichen, ist noch mehr Popularität…

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