Schade, immer noch keine Randale?

Zweiter Tag beim G8-Gipfel in Heiligendamm. Ein weiterer Tag, bei dem es tausenden Demonstranten gelungen ist, friedlich bis zum Sicherheitszaun vorzudringen, den sie eigentlich nach dem Willen der Politik und Polizei niemals hätten erreichen dürfen. Millionen haben die Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld den Steuerzahler gekostet. Gar von „notwendiger Terrorabwehr“ war die Rede. Jetzt wäre es gut, wenn sich diese Maßnahmen im Nachhinein auch rechtfertigen ließen. Doch so sehr man sich auch bemüht: Die Mehrzahl der Demonstranten bleibt friedlich. Wie froh waren die Medien, als sie am Donnerstag dem Zuschauer wenigstens die rasante Verfolgungsjagd der aufgerüsteten Staatsmacht zu Wasser gegen zwei winzige Greenpeace-Schlauchboote bieten konnten.

Ohne Unterbrechung berichtet der selbsternannte Nachrichtensender N24, der an anderen Tagen meist aufgewärmte Katastrophen-Dokus ausstrahlt, vom Ort des Geschehens. Stunde um Stunde immer wieder die gleichen Bilder: Demonstranten auf der Wiese, Polizei gleich dicht daneben. Mit letzter Kraft versuchen die Moderatoren vor Ort dem Geschehen noch eine Neuigkeit abzupressen, während die Moderatoren im Studio anhand der eingespielten Bilder Mutmaßungen anstellen, was denn da gerade so passieren könnte.

„Da sehen wir sogar schon einen Stein fliegen“, tönt es fast hoffnungsvoll, als sich die Stimmung für ein paar Minuten kurzzeitig aufheizt und die Polizei kurz einen Wasserstrahl gegen eine handvoll hüpfender Demonstranten richtet. Aber der schwarze Schatten, der für Sekunden über den Köpfen der Demonstranten erschien und wieder zwischen ihnen verschwand, hätte genausogut ein Schuh sein können. Die Moderatorin vor Ort dementiert oder bestätigt die Aussage ihrer Kollegin im Studio nicht.

Ach wäre doch bloß mehr los, wünscht sich der gelangweilte Fernsehzuschauer. Im Studio ist die Stimmung eher gelöst ob der wenigen wirklichen Neuigkeiten die man vermelden kann: So kann sich auch die Moderatorin ständiges Lachen gegenüber dem Studiogast, einem Sprecher der Polizeigewerkschaft, nicht verkneifen. Auf den Zuschauer wirkt das eher irritierend. Da die Bilder leider keine Randale hergeben wird halt über Randale gesprochen. Die Unterzeile bei N24 titelt: „Krawalle bei Demonstrationen“. Nur die sucht man im darüber eingespielten Bild irgendwie vergebens.

Bevor die Zuschauer verschwinden entschließt man sich daher, lieber nochmal die tollen Bilder der Verfolgungsjagd auf dem Wasser zu wiederholen. Endlich ist was los. Mehrere Polizeiboote jagen die Greenpeace-Aktivisten. Am Schluss wird eines der Schlauchboote von der Bundespolizei rüde überfahren. Was denn, nur Leichtverletzte? Aber das war riskant. Es hätte ja viel mehr passieren können, heißt es aus dem Off.

Die Gipfelteilnehmer vergnügen sich unterdessen bei einem Spaziergang durch den Park des Kempinski Hotels. Ein Fototermin jagt den Nächsten. Schließlich sitzen alle glücklich in einem überdimensionalen Strandkorb vor den Kameras.

Später jubelt die Presse, man habe einen Durchbruch beim Klimaschutz erzielt:

„Man wolle eine Reduktion der Treibhausgase um 50 Prozent bis 2050 ernsthaft in Betracht ziehen

Doch der einzige „Durchbruch“ der sich in Heiligendamm zu Feiern lohnt, ist wohl der der Demonstranten zum Sicherheitszaun. Ich kann mich vor Begeisterung kaum noch auf dem Stuhl halten und ziehe ernsthaft in Betracht, die Glotze abzuschalten.

Surtipps:
Der ganz große Friede am ganz großen Zaun

One Comment

  1. man kann es drehen wie man will, wenn wir nicht versuchen, auch mal was zu fordern, was nicht in die trashige medien“vielfalt“ passt, dann muss es auch mal witzige alternativen geben.

    ich habe da mitgemacht:
    http://rippeportal.de/webcamp

    ist direkt was anderes, als nur die glotze auszumachen :-)

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