20 Jahre Gladbeck: Berichterstattung mit Beigeschmack

20 Jahre ist das verheerende Geiseldrama von Gladbeck nun her. Tagelang hielt es die Republik in Atem und endete mit dem Tot dreier Menschen. Journalisten gerieten damals wegen ihrer Sensationslust massiv in die Kritik. „Sündenfall einer Branche“ schreibt der FOCUS. 20 Jahre danach konnten sich einige davon in der Presse nun sich zu ihrem damaligen Verhalten zu äußern. So auch Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur des Kölner Boulevardblatts „Express“. Heute bereue er sein Verhalten, wie es bei Spiegel Online „einestages“ nachzulesen ist. Bei einem Artikel der Nordwest-Zeitung mag der geneigte Leser aber den Eindruck bekommen, man habe mit einem anderen „Kollegen“ noch eine ganz andere Rechnung offen .

Presse steht nach Kumpanei mit Tätern am Pranger„, so der Artikel von Jürgen Westerhoff in der Nordwest-Zeitung aus Oldenburg, der im „Mantelteil“ auch in anderen regionalen Zeitungen wie beispielsweise der Ostfriesen Zeitung am 14. August zu lesen war. Dort beschreibt der Redakteur das viel kritisierte Fehlverhalten der Presse und pickt sich den Oldenburger dpa-Korrespondenten und heutigen Sprecher des Deutschen Presserates Manfred Protze als Negativbeispiel heraus.

Protze ist damals in ein Taxi gestiegen um den von den Geiselgängstern gekaperten Linienbus verfolgen zu können. Die Gangster eröffenten das Feuer auf das Taxi – glücklicherweise ohne böse Folgen für die Insassen. Doch andere Medienvertreter verhielten sich aufdringlicher: So wurden die Gangster von Fotografen auch mal gebeten, doch bitte noch einmal die Pistole an den Kopf der Geisel zu halten, man habe das Foto gerade verpasst. Röbel setzte sich damals zu den Entführern ins Auto.

Während der Norddeutsche Rundfunk Protze zu seinem damaligen Verhalten zu Wort kommen lässt – so wird er dort mit den Worten „Was wir gelernt haben ist Journalismus. Was wir nicht gelernt haben ist Bewältigung derartiger Situationen“ – zitiert, vermisst man dies in dem Bericht der NWZ. Statt dessen die etwas schal anmutende Bemerkung, dass ein Mann wie Protze heute „ausgerechnet“ Sprecher des Deutschen Presserates sei.

Dabei war der Presserat damals sowohl gegen Protze wie auch seine Kollegen mehr als deutlich: Die Journalisten hätten „die Grenzen ihres gesellschaftlichen Auftrags überschritten“, berichtet der Tagesspiegel in einem Rückblick.

Warum also 20 Jahre später dieser Seitenhieb gegen Protze? Auf meine Nachfrage bei NWZ Redakteur Jürgen Westerhoff erhielt ich lediglich den Hinweis, dass man ihn wegen des regionalen Bezuges zu Oldenburg ausgesucht habe. Durchaus nachvollziehbar.

Warum macht man dann aber kein Interview mit Protze, wie es „Die Zeit“ veröffentlicht hat? Hier hätte sich doch eine optimale Gelegenheit geboten, kritische Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Im zweiten Teil des Interviews hätte der Leser dann auch erfahren, dass man eben gerade durch Gladbeck viel gelernt hat. So wurde im Presserat beispielsweise erst danach die Richtline 11.2 eingeführt, die da unter anderem sagt:

„Interviews mit Tätern während des Tatgeschehens darf es nicht geben.“

Alles nur Zufall? Wer ein wenig recherchiert, bemerkt Reibungspunkte zwischen der Nordwest-Zeitung und dem Presserat.

Presserat vs. Zeitungsredaktionen

Seit längerem fordern verschiedene Zeitungsredaktionen im Land, Teile im Verhaltenskodex des Deutschen Presserats abzuändern. Auch die Nordwest-Zeitung gehört dazu. So geht es unter anderem um das Thema Schleichwerbung, also die enge Verknüpfung von Produktinformationen mit Berichterstattung.

Viele Zeitungen würden sich hier offenbar mehr Freiraum wünschen. In Zeiten schleppender Auflagenverkäufe ist das Anzeigengeschäft wichtiger denn je. Aber ist damit noch unabhängiger Journalismus möglich?

So kassierte die Nordwest Zeitung erst im Jahr 2007 eine öffentliche Rüge vom Presserat. Dazu schreibt der Rat in einer Pressemitteilung vom 16. März vergangenen Jahres:

„Die NORDWEST-ZEITUNG hatte ausführlich darüber informiert, dass in einer großen Marktkette erstmals Pkw zum Kauf angeboten wurden. Dabei hatte sie die Aktion ausführlich beschrieben, den Preis der Fahrzeuge genannt und einen Link zur Internetseite mit Bestellmöglichkeit veröffentlicht.“

Und genau bei diesem Thema stehen sich Protze und die NWZ in Ihren Ansichten gegenüber. Bereits 2006 äußerte sich Protze in einem Streitgespräch auf der Frankfurter Buchmesse zum Thema „Journalismus, Werbung und PR – Abgrenzung durch Selbstkontrolle?“: „Man sollte einmal die Redaktionsetats mit den PR-Etats vergleichen. Dann wird sich herausstellen, dass es eine Asymmetrie der Ressourcen gibt.“

Kumpanei der Presse mit Unternehmen?

In die Kritik vor allem durch die Gewerkschaften DJV und ver.di geriet die Nordwest Zeitung im Jahre 2004 während eines bundesweiten Streiks im Mediengewerbe, als die NWZ nicht streikende Journalisten zu einem Abendessen in das Restaurant des Oldenburger Modehauses Leffers einlud. Damals wurden die Redakteure außerdem mit jeweils einem 500 Euro Einkaufsgutschein beschenkt.

Darauf angesprochen reagiert Westerhoff empfindlich und besteht vorweg auf die richtige Darstellung der Tatsachen, gefolgt von dem „kollegialen Hinweis“, dass eine mißverständliche Widergabe der Tatsachen, wer hier wen einlud und beschenkte, vermutlich eine rechtliche Verfolgung dieses Blogs durch die Nordwest-Zeitung zur Folge hätte. „Sollten Sie den Sachverhalt anders darstellen, würde unser Haus mit Sicherheit darauf reagieren.“ Der Ton im Umgang mit Bloggern ist in Deutschland eben etwas rauher.

So stellt Westerhoff klar:

„Der Verlag hat sich bei Kollegen bedankt, indem er sie zu einem Abendessen in das Restaurant des Modehaus Leffers (nicht Sinn-Leffers) eingeladen hat. Dieses Essen wurde vom Verlag bezahlt. Außerdem erhielt jeder Kollege einen 500-Euro-Gutschein. Wer wollte, konnte diesen Gutschein noch an diesem Abend im Rahmen einer Sonderöffnungsaktion bei Leffers zum Kauf von Kleidung benutzen. Wer das nicht wollte, hat das Geld ausbezahlt bekommen. Es gab keine Einladung von Leffers, sondern die Einladung ging vom Verlag aus, der auch die Kosten getragen hat. „

Dass die Nordwest-Zeitung bei der Berichterstattung keine Probleme damit hat, Unternehmen und deren Produkte lobend zu erwähnen, zeigt auch dieser Bericht zum Weihnachtsgeschäft in Oldenburg 2007. Darin finden sich dann auch Textpassagen wie

„Bei Leffers-Kunden liegen dieses Jahr edle Accessoires wie Gürtel und Tücher, exklusive Handtaschen und teure Cashmere-Pullover ebenso unterm Weihnachtsbaum wie schwarze Spitzendessous.“

So einen Satz erwarte ich eher in einem kostenlosen Anzeigenblättchen, als einer Tageszeitung. So wie die Journalisten von Gladbeck heute sicherlich aus Ihren Fehlern gelernt haben, würde ich mir wünschen, dass im Tageszeitungsjournalismus wieder mehr Bewusstsein darüber einkehrt, was Journalismus und was PR ist.

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