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Es ist wieder BarCamp Zeit: Kai Rüsberg (mit Mikro, Mitte) eröffnet das MediaCamp NRW 2026 bei der GLS Bank in Bochum. Foto: Autor

Wahnsinn, fast 20 Jahre ist es her, seit ich mein erstes BarCamp besucht habe. Das offene Konferenzformat hat die Businesswelt damals schon ein wenig revolutioniert. Schluss mit überteuert spießigen Konferenzen: Keine feste Agenda, keine Krawatten, kein „Sie“, keine Frontalberieselung. Letzten Samstag war es wieder soweit: Das „MediaCamp NRW“ lud Medienschaffende zum offenen Austausch nach Bochum.

Nach langer Zeit mal wieder richtiges BarCamp-Feeling: Kai Rüsberg, Journalist beim Deutschlandradio und WDR und unterstützt von „Hashtaghüterin“ Christina Quast, Freie Journalistin aus Dortmund sowie das Team des Werkraum der GLS Bank und die Kreativsparte der WirtschaftsEntwicklungsGesellschaft Bochum mbH realisierten das MediaCampNRW. Die Tickets blieben kostenlos, die GLS Bank stellte ihre Räumlichkeiten zur Verfügung. Kostenlose BarCamps sind heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr, so sind Sponsoren für das Format der „Unkonferenz“ nicht mehr ganz so leicht zu begeistern, wie es in den Anfangsjahren einmal war.

Die Welt dreht sich weiter. Auch das, was die Teilnehmer von einst alle verband, verändert sich: das Internet, die Blogs, Social Media. Leider nicht immer nur zum Guten. Wehmütig denkt man an Twitter zurück, den Kurznachrichtendienst, der für Aufbruchstimmung sorgte. Offener, schneller Austausch, das Netzwerken, die persönlichen Treffen in Form von „Tweetups“ oder „Twittwoch“ und natürlich der #FollowFriday, bei dem man sein Netzwerk anderen Usern weiter empfahl.

All das ist tot, seitdem ein größenwahnsinniger Elektrowagenhändler aus Südafrika den globalen Kurznachrichtendienst in eine Propagandaschleuder umbaute.

Die Nutzer verteilen sich heute auf die vielen alternativen Netzwerke wie BlueSky, Mastodon oder Threads. Auch auf LinkedIn oder Facebook findet man sich. Aber ganz so heimelig wie früher ist es nicht mehr. Auch viele BarCamps hat es durch die Coronajahre dahingerafft.

MediaCamp NRW 2026

Umso wichtiger erscheint mir in diesen Zeiten das MediaCamp NRW. Eines der wenigen Treffen mit „echtem“ BarCamp-Feeling, das in regelmäßigen Abständen noch stattfindet. Letztes Jahr in Duisburg, nun in Bochum. Hier treffen sich Medienschaffende, um sich über die politischen, sozialen und medialen Umbrüche im Internet und auch die tiefgreifenden Veränderungen auszutauschen, die den Einzug der Künstlichen Intelligenz mit sich bringen.

Die Vorstellungsrunde ist wie immer BarCamp-typisch: Nenne Deinen Namen und drei Hashtags. Das zwingt zur Präzision und spart Zeit. Immerhin kommen an diesem Morgen rund 60 Teilnehmer zusammen. Schnell geht es nach der Kennlernrunde auch schon in die Themenplanung:

Gehört zu jedem BarCamp dazu: Die Session-Wall, die erst kurz vor Beginn der Veranstaltung erarbeitet wird.

„Hat Social Media noch eine Chance?“, fragte etwa Nicole Bender, selbstständige Social Media Managerin und Marketingberaterin aus Mülheim. Und Sascha Förster von Bonn.Digital klärte mit „Social Web für Medienmenschen“ die Teilnehmenden über die Möglichkeiten im Fediverse auf. Weitere Themen waren unter anderem „ADHS & Jugendbildung“ in Zeiten von Social Media oder die Fragestellung, wie der „kollaborative Journalismus“ zu retten sei. Journalist und Moderator Johannes Meyer aus Köln stellte in seiner Session Trendradar 2026 die Frage nach der Entwicklung der Medienlandschaft in den kommenden Jahren.

Und dann war da natürlich noch das unvermeidliche Thema Künstliche Intelligenz:

  • Wie verändert sich die Arbeitswelt durch ChatGPT & Co.?
  • Wie schreibt ihr eure Texte*?
  • Ist KI nur ein Arbeitsmittel oder eine echte Gefahr für Journalisten?
  • Ist KI gar „der Tod der Blogs“, wie es etwa Ann Sophie** in ihrer Session fragte?

Auch für mich war das Thema drängend genug, eine Session mit dem Titel „KI im Journalismus: Hilfe oder „Igitt?“ vorzuschlagen, der dankenswerterweise auch viele Teilnehmer zur offenen Diskussion gefolgt sind.

KI im Journalismus: „Hilfe oder ‚igitt‘?“

Das erste Feedback eindeutig: KI ist längst Arbeitstool im täglichen Redaktionsalltag. Sie fasst zusammen, ordnet, strukturiert und erleichtert den Journalisten ihre Arbeit, schafft sogar Zeit für mehr Recherche.

Ist KI also doch kein böser Jobkiller?

So einfach ist es dann doch nicht: Denn das Ziel der Verlage ist nicht unbedingt die bessere Recherche, die tiefgründigen Stories, sondern die Aufrechterhaltung des Outputs. Und wenn Redakteure dank KI heute wieder mehr Zeit haben, können sie mehr Inhalte schaffen. Schaffen sie mehr Inhalte, braucht es keine großen Redaktionen mehr. Da genügen zwei Arbeitsplätze, wo es früher noch vier gebraucht hat.

Und auch in der Journalistenausbildung macht sich der KI-Einsatz bemerkbar: „Warum soll ich all die Grundlagen wie Stilmittel, Recherche, etc. noch lernen, wenn mir KI doch die Texte schreibt“, berichtet Johannes Meyer von seinen Erfahrungen mit angehenden Redakteuren.

Mit der KI ist es wie bei allen Werkzeugen: Wenn Du nicht weißt, wie Du mit Deinem Werkzeug richtig umgehst, nützt es Dir wenig.

„Shit in, Shit out“, da ist sich die Gesprächsrunde einig.

Wer also in Zukunft bestehen will, muss lernen, wie man mit der KI umgeht. Was sind ihre Schwächen, wo liegen ihre Stärken? Wenn ich mein Handwerk nicht verstehe, dann wird auch eine KI keinen guten Journalisten aus mir machen. Das Beispiel vom Bäcker und den Fertigmischungen macht die Runde. Oder vom Fotografen, der sich für gut hält, nur weil seine Kamera alles automatisch kann.

Für den Arbeitsmarkt bedeutet das: Die KI wird Fachkräfte auch auf absehbare Zeit nicht ersetzen, aber je nach Gebiet reduzieren. Natürlich hängt es auch davon ab, mit welcher Qualität sich die Leserinnen und Leser zufrieden geben. Masse statt Klasse? Der schnelle Nachrichtenüberblick oder die hintergründige Recherche?

Und selbstverständlich spielt auch das Thema „Fake News“ eine große Rolle.

Wie weit darf sich der Journalist auf die KI verlassen? Wenn sich die KI auch aus dem Wissen des Internets bedient und das Internet immer mehr mit Falschinformationen geflutet wird, wer sagt mir, dass das, was mir die KI erzählt, überhaupt stimmt? Da wird es auch weiterhin einen fundiert ausgebildeten Menschen geben müssen, der Fakten von Fakes unterscheiden kann, der weiß, wie man Dinge hinterfragt und einordnet.

Immerhin.

Am Ende ging alles rasend schnell: Gegen 17 Uhr löste sich die Runde bei einem Bier langsam auf: mit vielen neuen Eindrücken, Perspektiven und Ideen im Gepäck. Und genau das ist es, was BarCamps ausmacht: Keine PowerPoint-Beschallung, sondern die Gespräche, die hängen bleiben. Ich hoffe sehr, dass das MediaCamp NRW genau so weitermacht, denn gerade in diesen Zeiten brauchen wir solche Orte des offenen Austauschs mehr denn je.

Surftipps: Beim MediaCampNRW in Bochum, Monika Fritsch
Monika stellt in ihrem ausführlichen Blogbeitrag den Tag noch einmal zusammen

*Transparenzhinweis: Dieser Artikel ist bis auf den allerletzten Absatz vollständig ohne KI entstanden ;-)
** Für Hinweise, wie ich Ann Sophie verlinken kann, bin ich sehr dankbar, mir fehlt da leider ein Kontakt.

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