AfD Parteitag: Die feuchten Bürgerkriegsträume der Rechten

Rechte Brandstifter. Illustration mit ChatGPT

Beatrix von Storch rief den „Countdown zum Bürgerkrieg“ aus, und dann kam: nichts. Die Gegendemonstranten in Erfurt blieben friedlich, die herbeigesehnte Eskalation fiel aus. Das ist kein Zufall, sondern das Scheitern einer Strategie, die zum festen Repertoire der Rechten gehört.

Zusammenfassung

  • Vor dem AfD-Bundesparteitag in Erfurt beschwor Vizechefin Beatrix von Storch einen Bürgerkrieg. Die Proteste am 4. und 5. Juli 2026 blieben überwiegend friedlich.
  • Das Herbeireden von Gewalt folgt einem Muster: provozieren, sich als Opfer inszenieren, Täter und Opfer vertauschen.
  • Russland-Nähe und NS-Symbolik zeigen, aus welcher Tradition diese Gewaltrhetorik stammt. Sie ist kein Ausrutscher, sondern Programm.

Der Countdown, der keiner war

Tage vor dem Parteitag schrieb Beatrix von Storch auf X vom „Countdown zum Bürgerkrieg“ in Erfurt. Und in einem weiteren Post schrieb sie „Und wisst ihr was? Die grauenhaften Bilder davon werden uns nutzen.“

Man lese diesen Satz zweimal. Da beschwört jemand nicht den Frieden, sondern rechnet mit der Eskalation, weil sie ins Konzept passt.

Das ist Täter-Opfer-Umkehr in Reinform. Erst schiebt man dem Gegner den Bürgerkrieg unter, dann kassiert man den erhofften Gewinn aus den erwarteten Krawallbildern.

Nur: So sehr rechte Medien im Vorfeld des Parteitags auch versuchten, Gewaltexzesse der Gegendemonstranten herbeizureden und gar Parallelen zum G20 Gipfel in Hamburg 2017 zogen: Die Krawalle blieben aus. Zehntausende protestierten, sangen, blockierten Straßen und gingen wieder nach Hause.

Das Drehbuch lag bereit, allein die Statisten der Gegenseite spielten nicht mit. Der ersehnte Bürgerkrieg fiel aus

Da hilft auch ein Scharmützel am Rande nicht, bei dem Vertreter des rechten Magazins „Apollo News“ von Gegendemonstranten geschlagen worden sein sollen. Angriffe auf Journalisten sind bei rechten Demos seit Jahren an der Tagesordnung. Üblicherweise von Rechts bejubelt. Nur heute zeigte man sich dann plötzlich empört. Ein letzter Strohhalm, der die eigene Verlogenheit offenbart. 

In Summe heißt es: Die Rechnung ging nicht auf. Das Drehbuch lag bereit, allein die Statisten der Gegenseite spielten nicht mit. Der ersehnte Bürgerkrieg fiel aus.

Ein Datum mit Symbolkraft

Der Parteitag fiel nicht auf irgendein Wochenende. Am 3. und 4. Juli 1926 hielt die NSDAP in Weimar ihren zweiten Reichsparteitag ab, den Auftakt zur Ausrichtung der Partei auf Hitler. Exakt 100 Jahre später tagte die AfD am selben Kalendertag, im selben Bundesland Thüringen, nur eine halbe Autostunde entfernt in Erfurt. Zufall?

Die Empörung kam nicht von links, sondern aus der Mitte. CDU-Staatsministerin Serap Güler nannte die Terminwahl eine bewusste Provokation, der Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung sprach von einem symbolischen Akt. Wer ein solches Datum wählt, kennt seine Wirkung. Die AfD bestritt jeden Zusammenhang. Man muss schon sehr fest die Augen schließen, um hier reinen Kalenderzufall zu erkennen.

Wenn der Staat mitspielt

Auffällig blieb die Rolle mancher Einsatzkräfte. Ein in den sozialen Netzwerken kursierendes Video zeigt, wie sich Polizisten gewaltsam durch eine sitzende Blockade drängen: Sie treten, greifen ins Gesicht, drücken Menschen zu Boden, während direkt daneben der Gehweg frei bleibt. Die Betroffenen reagieren sichtbar nicht. In einem anderen Video sind die Gespräche von Beamten mitgeschnitten „tretet ihnen die Beine weg“, hört man einen sagen. Wer diese Aufnahmen sieht, erkennt keine Notwendigkeit, sondern ein Angebot zur Eskalation, das niemand annahm.

Dass der Staat hier überzog, ist kein bloßer Verdacht. Das Verwaltungsgericht Weimar rügte die Allgemeinverfügung, die auch friedliche Versammlungen verbieten sollte. Ein polizeilicher Notstand sei nicht nachgewiesen. Im Klartext: Das pauschale Demoverbot war rechtlich nicht gedeckt.

Der feuchte Traum vom Bürgerkrieg

Die Bürgerkriegsfantasie ist im rechten Milieu keine Entgleisung, sondern ein Grundmotiv. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den „Tag X“ als Erlösungsmoment: den Tag, an dem Unruhen zum Umsturz genutzt werden. Rechtsradikale Akzelerationisten wollen den Zusammenbruch nicht abwarten, sondern beschleunigen. Terror dient dabei, wie Extremismusforscher festhalten, als Kommunikationsstrategie: Gewalt provozieren, den Staat als schutzlos vorführen, den Bürgerkrieg entfachen.

Von diesem Milieu trennt die AfD keine Brandmauer, sondern bestenfalls ein Vorhang. Björn Höcke skandierte mehrfach eine Losung der SA und wurde dafür verurteilt. Die Umdeutung von NS-Vokabular ist kein Ausrutscher, sondern Methode. So wandert sagbar, was gestern noch tabu war.

Das Feindbild Antifa

Wen genau meinte von Storch mit den „Faschisten von der Antifa“? Gewerkschafter, Kirchenleute, Grüne, den DGB, zehntausende Bürger, die in Erfurt auf der Straße standen. „Die Antifa“ als geschlossene Organisation existiert nicht. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags beschreiben sie als losen Oberbegriff ohne Mitgliedsausweis, ohne Zentrale, ohne einheitliche Strategie. Antifaschismus ist zunächst eine demokratische Grundhaltung, aus der das Grundgesetz selbst hervorging.

Dass es auch einen militanten, linksextremen Rand gibt, bestreitet niemand. Genau diesen Rand aber nutzt die Rechte, um den ganzen Begriff zu vergiften. Wer gegen Rechtsextremismus aufsteht, wird zur „Antifa“ erklärt und damit in die Nähe von Gewalt gerückt. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt diese Anti-Antifa-Strategie beim Namen: ausspähen, bedrohen, delegitimieren. So wird aus jedem Kritiker ein Extremist und aus jedem Protest ein Aufruhr. Praktisch für eine Partei, die selbst mit dem Bürgerkrieg kokettiert.

Wes Geistes Kind

Woher die Gewaltlogik kommt, zeigt der Blick nach Osten. Murad Dadaev, unter dem Namen Noah Krieger einer der reichweitenstärksten AfD-Influencer Hannovers, posiert inzwischen in russischer Uniform im besetzten Bakhmut. „Ich stehe für Russland“, schreibt der Mann, der zuvor Deutschlandlied und Wehrmachtslosungen zelebrierte. Die AfD wurde ihn erst los, als CORRECTIV seine Kontakte ins Kadyrow-Umfeld öffentlich machte.

Wer ständig vom Bürgerkrieg redet, plant nicht dessen Verhinderung. Er hält ihn für eine Option.

Dadaev ist kein Einzelfall, sondern nur die Spitze des Eisbergs. Auf allen Ebenen pflegt die Partei Kontakte nach Moskau: Petr Bystron, gegen den wegen mutmaßlicher Bestechlichkeit ermittelt wird. Steffen Kotré, zu Gast in der Show des Propagandisten Solowjow. Rainer Rothfuß, im Gespräch mit Putins Scharfmacher Medwedew. Markus Frohnmaier, von einem CSU-Politiker „Sprachrohr Moskaus“ genannt.

Eine Partei, die Gewalt herbeiredet, sucht die Nähe zu einem Regime, das seit Jahren einen Angriffskrieg führt. Das passt zusammen. Wer ständig vom Bürgerkrieg redet, plant nicht dessen Verhinderung. Er hält ihn für eine Option.

In Erfurt ging die Rechnung nicht auf. Wer meint, das sei die letzte Probe gewesen, unterschätzt die Geduld derer, die auf ihren Tag X warten.

 

Warum steht der AfD-Parteitag in Erfurt wegen des NSDAP-Parteitags 1926 in der Kritik?

Am 3. und 4. Juli 1926 hielt die NSDAP in Weimar ihren zweiten Reichsparteitag ab. Genau 100 Jahre später tagte die AfD am selben Kalendertag im benachbarten Erfurt, ebenfalls in Thüringen. Historiker und Politiker von CDU und SPD werteten die Terminwahl als bewusste Provokation. Die AfD bestreitet jeden Zusammenhang.

Was bedeutet Täter-Opfer-Umkehr in der rechten Rhetorik?

Bei der Täter-Opfer-Umkehr stellt sich der Angreifer als Opfer dar und schiebt die eigene Aggression dem Gegner zu. Im Fall Erfurt hieß das: Man beschwört einen von der Gegenseite ausgehenden Bürgerkrieg und rechnet zugleich damit, dass Gewaltbilder der eigenen Sache nutzen. Ziel ist es, Provokation als Notwehr erscheinen zu lassen.

Welche AfD-Politiker haben Kontakte nach Russland?

Dokumentiert sind unter anderem Petr Bystron, gegen den wegen mutmaßlicher Bestechlichkeit ermittelt wird, Steffen Kotré mit Auftritten im russischen Staatsfernsehen, Rainer Rothfuß mit einem Treffen mit Dmitri Medwedew sowie Markus Frohnmaier als Leiter des außenpolitischen Arbeitskreises. Mehrere Abgeordnete reisten wiederholt zu Konferenzen nach Russland.

Wer ist Noah Krieger alias Murad Dadaev?

Murad Dadaev, online Noah Krieger genannt, war ein reichweitenstarker AfD-naher Influencer aus Hannover mit tschetschenischen Wurzeln. Nach Recherchen von CORRECTIV zu seinen Kontakten ins Umfeld des Kadyrow-Regimes leitete die AfD ein Ausschlussverfahren ein. Inzwischen zeigt er sich in russischer Militäruniform im von Russland besetzten Teil der Ukraine.

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