Probefahrt Tesla Model S: Tausche „Baby Benz“ gegen Elektroschlitten

Probefahrt Tesla Model S

Kürzlich war es endlich soweit: Für eine knappe halbe Stunde tauschte ich meinen Mercedes 190, Baujahr 1992 aber immerhin mit Flüssiggastank, gegen eine voll elektrische Luxuslimousine der Marke Tesla, Model S. Um sich der Dimensionen bewusst zu werden: Das ist ungefähr so, als ob man von der alten ’69er Mondlandefähre auf die USS-Enterprise umsteigt. Hier mein Erfahrungsbericht.

Für eine halbe Stunde habe ich meinen geliebten Mercedes 190, Baujahr 1992 gegen einen hypermodernen Tesla Model S getauscht.

Für eine halbe Stunde habe ich meinen geliebten Mercedes 190, Baujahr 1992 (hinten) gegen einen hypermodernen Tesla Model S (vorne) getauscht. Das ist ein bisschen so, als ob man von der alten 69er Mondfähre in das Raumschiff Enterprise wechselt.

Ich mag meinen „Baby Benz“ wirklich. Er ist zwar ein wenig in die Jahre gekommen und hat das ein oder andere Zipperlein, aber anders als diese hochgezüchteten Klimbim-Autos mit jeder Menge Elektronik-Gedöns kann man hier noch eine Glühbirne für 3,50 Euro in fünf Minuten selbst wechseln, ohne gleich IT-Fachmann zu sein. Außerdem ist er auch nach Jahren noch äußerst zuverlässig.

Wenn schon Hightech, dann also bitte richtig. Also schluss mit Verbrennungsmotor, Ölwechsel, Zündkerzen und all dem Zeugs, das bislang untrennbar mit dem Thema Automobil in Verbindung steht.

Probefahrt Tesla Model S: Vom alten Moonlander in die Enterprise

Tesla liefert den Beweis, dass Elektromobilität nichts mit lächerlich geringen Reichweiten oder verkorksten Designs zu tun haben muss. Während die meisten Autobauer ihre Elektromobile mehr oder weniger aus Imagegründen lieblos nebenher und ohnehin meist eh nur hybrid mit zusätzlichem Verbrennungsmotor produzieren, setzt Tesla auf 100 Prozent Elektroantrieb ohne Kompromisse. 500 Kilometer Reichweite, kaum Wartungsaufwand. Zündkerzen? Gibts nicht. Ölwechsel? Für was? Getriebe? Wozu? Tanken? Ja, aber bitte nur Strom und für die Modelle mit großem 85 kWh-Akku bekommt man diesen an jeder Supercharger-Station kostenlos – ein Autoleben lang. Davon gibt es in Europa mittlerweile schon über 37 Stück und mehr sind in Planung. Sonst tut es aber auch jede andere Stromtankstelle. Kostet aber und ist nicht ganz so schnell.

Dashboard im Tesla: Ein „Tablet“ als Steuerzentrale

Der Tesla Model S wird komplett über ein großes Touchdisplay bedient. Die Software basiert auf Linux. Hier lassen sich alle Funktionen des Fahrzeugs bequem per Fingerzeig bedienen. Dach auf und zu, Höhenverstellung des Fahrwerks, Härtegrad der Lenkung, Navigation, Radio, Internet, und und und…

Scotty, wo ist hier der Knopf für den Warpantrieb? Der Tesla wird über den Touchscreen bedient. Einstellung für Fahrwerkshöhe und Lenkung inklusive.

Scotty, wo ist hier der Knopf für den Warpantrieb? Der Tesla wird über Touchscreen bedient. Einstellung für Fahrwerkshöhe und Lenkungswiderstand inklusive. Selbstverständlich ist hier auch die Heckkamera oder das Internetradio sowie die Navigation zu bedienen. Das Display hinter dem Lenkrad ist individuell zu konfigurieren.

Nach einer kurzen Einweisung über die Funktionsweise des Fahrzeugs geht es endlich los. Ungewohnt ist es schon, dass man nicht hören kann, ob der Wagen bereits eingeschaltet ist. Mein 190er würde an dieser stelle gemütlich vor sich hintuckern.

„Tippen Sie einfach das Bremspedal an“, meint meine freundliche Begleiterin vom Tesla-Store. Im Display vor wechselt „car off“ in „car on“. Aha, na dann kann es ja losgehen.

Mangels Verbrennungsmotor und Getriebeumsetzung gibt es natürlich auch keine manuelle Schaltung. Angetrieben wird das Fahrzeug im Heck über einen Elektromotor. Der Tesla „emuliert“ dabei ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe.

So werden die Einstellungen R, N, D oder P  über einen Schalthebel am Lenkrad eingestellt. Je nach Wunsch lässt sich dabei über den Touchscreen einstellen, ob der Wagen wie ein klassisches Automatikfahrzeug nach Lösen der Bremse anrollt oder sich erst in Bewegung setzt, sobald man das Gaspedal betätigt. Gaspedal. Irgendwie scheinen alle konventionellen Begriffe eines Fahrzeugs zum Tesla nicht mehr zu passen.

Beschleunigung des Tesla: Grinsen ins Gesicht getackert

Die "Schaltzentrale" des Tesla ist der große Touchscreen in der Mittelkonsole. Es wirkt, als hätte man um ein Tablet ein Auto gebaut.

Die „Schaltzentrale“ des Tesla ist der große Touchscreen in der Mittelkonsole. Es wirkt, als hätte man um ein Tablet ein Auto gebaut.

Klar, dass Tesla seine Kunden nur die dickste Ausführung seines Model S fahren lässt. Ich sitze im Tesla S P85. Die Zahl steht für den 700 Kilogramm schweren 85 kWh Performance Akku, der im Unterboden des Fahrzeugs verbaut ist. Ohnehin ist die Limousine mit 2,1 Tonnen Gesamtgewicht keine Federklasse. Dennoch: Die 421 PS bringen das Fahrzeug in nur 4,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Das treibt selbst Porschefahrern Tränen in die Augen.

Nur mit dem Abrollgeräusch der Reifen verlassen wir das Werkstattgelände im Düsseldorfer Süden. Es geht auf die nahegelegene Autobahn 59 zwischen Düsseldorf und Leverkusen. Der Tesla liegt gut auf der Straße. Die Lenkung reagiert direkt. Mit der Einstellung „Sport“ sogar noch ein ganzes Stück direkter. Auf der Autobahn angekommen will ich es wissen: Ich trete das Gaspedal durch. Ohne weiteres Geräusch werden wir umgehend in die Sitze gedrückt. Ok, die Enterprise hätte hier noch Trägheitsdämpfer zu bieten. Aber hey, das macht ja nur halb soviel Spaß. Die Umgebung saust an mir vorbei. Ein Grinsen macht sich in meinem Gesicht breit. Ich werde es nicht mehr los. „Ja, das sehen wir öfter“, bemerkt meine Begleiterin trocken.

Nur mit dem Geräusch der Reifen und des Fahrtwindes zischt der Tesla allen anderen Fahrzeugen davon. Mir genügen erstmal 170 km/h. Bei 210 würde das Fahrzeug ohnehin abgeriegelt.

Einen Motor sucht man beim Tesla vorne vergeblich. Daher ist unter der Motorhaube auch ausreichend Platz für Reisegepäck oder Einkäufe.

Einen Motor sucht man beim Tesla vorne vergeblich. Daher ist unter der Motorhaube auch ausreichend Platz für Reisegepäck oder Einkäufe.

Kaum nehme ich den Fuß vom Gas, bremst der Tesla spürbar ab. Dieses Abbremsen ohne zutun des Fahrers nutzt das Fahrzeug, um seinen Akku wieder aufzuladen. Sowieso: Immer wenn gebremst wird, nutzt der Tesla die Bewegungsenergie und wandelt einen Teil davon wieder in Energie für den Akku um. Auf Wunsch kann der Fahrer das automatische Abbremsen beim Lösen des Gaspedals auch abstellen.

Nach einer Weile heißt es dann „Bitte an der nächsten Ausfahrt abfahren“. Noch 600 Meter bis zur Ausfahrt. Vor uns ein LKW. Während ich in meinem 190er zweimal überlege, ob es sich jetzt überhaupt noch lohnen würde, zu überholen, tippe ich im Tesla kurz das Gaspedal an. Ohne Mühen beschleunigt der Tesla von 90 auf 160 und im Handumdrehen sind wir am Lastwagen vorbei und an der Autobahnausfahrt.

Endlich mal entspannt Überholen, ohne dass einem irgend ein besoffener Audifahrer gleich mit der Lichthupe im Nacken hängt.

Viel Platz um Reichweite im Tesla Model S

Angetrieben wird der Tesla am Heck durch einen dort verbauten vierpoligen Dreiphasenwechselstrom-Induktionsmotor mit Kupferläufer. Fehlen nur noch die Trägheitsdämpfer.

Angetrieben wird der Tesla am Heck durch einen dort verbauten vierpoligen Dreiphasenwechselstrom-Induktionsmotor mit Kupferläufer. Fehlen nur noch die Trägheitsdämpfer.

500 Kilometer Reichweite hat man in diesem Modell mit einer vollen Stromladung. Aufladen läßt sich das Fahrzeug bereits an einer herkömmlichen 230 V Steckdose. Das dauert jedoch dann bis zu 30 Stunden. Besser, man installiert sich zuhause einen Starkstromanschluß oder nutzt die Supercharger-Stationen von Tesla. Hier ist das Strom-Tanken für die 85 kWh Ausführung des Tesla S ohnehin lebenslang kostenlos.

An dieser Stelle merkt man dann aber auch, warum Elektrofahrzeuge immer noch nichts für den Massenmarkt sind. Zumindest in den Städten dürften viele Mieter keinen Zugang zu einer Steckdose auf ihrem Parkplatz haben. Garagen sind rar und auch dort gibt es nicht immer Strom.

Innenaustattung: Außen Hui, innen auch

Schicke Sportlimousine. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Schicke Sportlimousine. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Die Verarbeitung innen wie außen wirkt edel. Leder und Alcantara sorgen für die notwendige Wertigkeit im Fahrzeuginneren. Bei US-Fahrzeugen ist man ein „außen Hui, innen Pfui“ ja durchaus gewohnt. Bei Tesla gibt es jedoch kaum etwas zu beanstanden. Lediglich auf der hinteren Sitzreihe hätte man sich für einen Kaufpreis von rund 110.000 Euro für die Luxusvariante P85 etwas mehr Luxus wie zumindest eine herunterklappbare Armlehnen oder Getränkehalter gewünscht. Auch die Plastikstrebe, die innen mittig über das Panorama-Glasdach gespannt ist, wirkt fehl am Platz.

Da der Wagen keinen klassischen Motor besitzt, verfügt er nicht nur hinten, sondern auch unter der „Motorhaube“ vorne über ausreichend Stauraum für Koffer, Taschen oder Einkäufe. Bis zu sieben Personen finden im Model S Platz. Zwei vorne, drei auf der Rückbank und noch zwei Kinder, die auf den herausklappbaren Kindersitzen aus dem Heckfenster schauen dürfen.

Zwar hat man als Erwachsener ausreichend Beinfreiheit auf der Rückbank und auch der fehlende Kardantunnel sorgt für extra Freiraum: Einzig die Rückenlehen sind so kurz, dass man als durchschnittlich großer Mensch eher mit dem hinten tief liegenden Fahrzeugdach in Berührung kommt, als mit den Kopfstützen.

Fazit

Nach der Testfahrt noch ein Erinnerungsfoto. Ein echt tolles Fahrzeug, aber ich warte dann doch lieber mal auf die Mittelklassemodelle die ab 2017 auf den Markt kommen sollen.

Nach der Testfahrt noch ein Erinnerungsfoto. Ein echt tolles Fahrzeug, aber ich warte dann doch lieber mal auf die Mittelklassemodelle die ab 2017 auf den Markt kommen sollen.

Der Tesla könnte mir echt gefallen. Ich bin zwar vom Design jetzt nicht besonders angetan, ist halt alles im Stil „teure Sportlimousine“, aber die Technik, die Verarbeitung und natürlich das Drumherum-Paket begeistert. Ein Elektrofahrzeug mit ordenlich Power und dazu lebenslang kostenloses Tanken an den offiziellen „Zapfsäulen“? Das ist mal ein Angebot.

Leider lebe ich in der Stadt und habe keine Steckdose an meinem Parkplatz. Und ok, ich gebe es zu, der Preis des Tesla Model S würde wohl meinen Bankberater gegen mich aufbringen.

Doch es gibt Hoffnung: 2017 will Tesla auch mit Mittelklassewagen an den Markt. Und da bin ich doch sehr gespannt.

Bis dahin habe ich ja noch meinen 190er.

„Brommmmm“ macht dieser, als ich den Schlüssel nach Ende der Testfahrt rumdrehe. Da ist er wieder, dieser Verbrennungsmotorsound. Robust isser ja. Aber halt mit der Technik aus einem vergangenen Jahrtausend. Tesla zeigt, wie die Zukunft des Automobils aussieht.

 

3 Comments

  1. Schöner Artikel, der richtig Lust macht, den Tesla auch mal auszuprobieren. Für eine Probefahrt natürlich, denn bei dem Preis würde mein Bankberater wohl genauso wenig begeistert sein. Ich bin auch der Meinung, dass der elektrische Antrieb die Zukunft im Automobilbereich ist und mir gefällt der Tesla S von allen Angeboten noch am besten, nicht nur aufgrund der hohen Reichweite. Ich frage mich aber auch, warum zum Beispiel BMW den i8 nicht gleich rein elektrisch gemacht hat, obwohl selbst die Entscheidung für den Hybrid ja schon sehr gut ist. Ein Problem bei den e-Autos ist aber in der Tat die Lademöglichkeit in der Stadt und ich frage mich, welche Lösungen hier noch entstehen.

  2. Auch ich würde gerne einen Tesla einmal fahren oder mir in späteren Jahren einfach kaufen. Das Konzept zeigt in jedem Fall, dass Elektro-Autos nicht schlecht aussehenmüssen. Ich frage mich immer wieder, wieso Elektro-Autos vom Design her eher aussehen, wie ein fahrender Würfel.

    Wenn Matthias jedoch das Beispiel vom i8 anspricht. Der i8 ist so ein geniales Auto. Sieht optisch einfach genial aus. Hätte ich das Geld und er ist auf dem Markt frei verfügbar, dann würde ich sofort zuschlagen.

    Lieben Gruß
    Christian

  3. Hallo Dennis,

    bin durch Zufall während der Suche im Netz auf deinen Blog gestoßen. Ich muss sagen der Artikel gefällt mir echt gut. Seit ich zum ersten Mal von dem Tesla Model S gehört hab, bin ich fasziniert von den Autos.
    Es reizt mich enorm auch mal einen zu fahren. Vielleicht hat mich der Artikel ja überzeugt, meinen Wunsch wahr zu machen.

    Liebe Grüße,

    Domenik

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.