
Hitler ein Linker? Ein rechtes Märchen. Illustration: Autor mit ChatGPT/GoogleGemini
Ich hätte nie gedacht, dass ich diesen Text einmal schreiben würde. Manche Internetmythen sind so krude, dass ich keine Lust habe, sie zu diskutieren. Die flache Erde gehört dazu. Doch gerade verbreitet sich, erneut befeuert aus rechtsextremen Kreisen, ein Narrativ, das zu dumm erscheint, um es ernst zu nehmen, und zu gefährlich, um es zu ignorieren: Hitler und die NSDAP seien Linke gewesen.
Zusammenfassung
- AfD-Chefin Alice Weidel hat Hitler am 21. September 2026 erneut einen Linksextremisten genannt. Die Legende von den „linken Nazis“ nutzen Rechte seit der Nachkriegszeit.
- Die Argumente halten nicht: Das Goebbels-Zitat ist gefälscht, die NSDAP zerschlug die Gewerkschaften und sperrte vor allem Linke als Erste ins KZ.
- Die Umdeutung soll die extreme Rechte von der NS-Vergangenheit entlasten und „links“ zum Synonym für Diktatur machen.
Zuletzt legte AfD-Chefin Alice Weidel am 21. September 2026 auf der Bundespressekonferenz nach. Die Linkspartei hatte gerade die Wahl in Berlin gewonnen. Weidels Antwort, wie die t-online dokumentiert: „Adolf Hitler hat eine völlig links gerichtete Politik gemacht. Er war ein Linksradikaler, ein Linksextremist.“
Neu ist das nicht. Im Januar 2025 nannte Weidel Hitler im Gespräch mit Elon Musk einen Kommunisten. Der dpa-Faktencheck stufte das damals bereits als unwahr ein.
Die Legende selbst ist älter als Weidels Karriere: Rechte nutzen sie seit der Nachkriegszeit, um die eigene Verantwortung kleinzureden. Neuen Schub bekam sie aus den USA, wo Jonah Goldberg mit „Liberal Fascism“ (2008) und Dinesh D’Souza mit „The Big Lie“ (2017) sie salonfähig machten.
Inhalt
Sozialistisch im Namen, also links?
Die Argumente haben die intellektuelle Reife eines Kleinkindes. Das macht sie gefährlich: Die Behauptung braucht einen Satz, die Widerlegung einen Absatz.
Wer so argumentiert, setzt genau darauf.
Argument Nummer 1: NSDAP heißt „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“. Sozialistisch im Namen, also links. Nach dieser Logik war die „Deutsche Demokratische Republik“ eine Demokratie, und die „Demokratische Volksrepublik Korea“ ist es bis heute.
In Babyöl stecken keine Babys. Zitronenfalter falten keine Zitronen. Parteinamen sind Etiketten, keine Inhaltsangaben.
Links und rechts: Es geht um Gleichheit
Wer das Argument plausibel findet, denkt oft in amerikanischen Kategorien: links heißt viel Staat, rechts heißt wenig Staat. Nach dieser Rechnung wäre jede Diktatur links. In Europa trennt eine andere Frage die Lager.
Der italienische Philosoph Norberto Bobbio hat sie auf den Punkt gebracht: Wie hältst du es mit der Gleichheit der Menschen? Die Linke will Ungleichheit abbauen. Die Rechte hält sie für naturgegeben. Die NS-Ideologie teilte die Menschheit in „Herrenrasse“ und „Untermenschen“. Rechter geht es nicht.
Was an der Behauptung stimmt
Nichts.
Aber zur Fairness gehört: Die NSDAP pflegte antikapitalistische Parolen und wetterte gegen das Besitzbürgertum. Was dahinterstand, erklärt der Historiker Volker Weiß im Interview mit der „Zeit“: Der Sozialismus der NSDAP war der Sozialismus der „Volksgemeinschaft“. Gleichheit galt nur für die, die dazugehören durften. Wer nicht dazugehörte, verlor Rechte, Besitz und oft das Leben.
Der Historiker Götz Aly beschreibt in „Hitlers Volksstaat“, wie das Regime sich die Zustimmung der Deutschen mit Steuerprivilegien und Wohltaten erkaufte. Die Rechnung zahlten andere: ermordete Juden, deren Eigentum verteilt wurde, und die ausgeplünderten Menschen in den besetzten Ländern.
Ob das die Ungleichheit unter Deutschen verringerte, ist umstritten, wie Mark Spoerers Rezension bei H-Soz-Kult zeigt. Unstrittig ist: Ein Sozialstaat auf Raub und Mord ist das Gegenteil linker Politik.
Die häufigsten Argumente aus rechter Feder und warum sie Unsinn sind
- „Goebbels hat gesagt: Wir sind die deutsche Linke.“ Hat er nie: Am angeblichen Erscheinungstag gab es keine Ausgabe des „Angriff“. Der Satz stammt laut dpa-Faktencheck aus einer anderen NS-Zeitung, vermutlich von Chefredakteur Joachim Haupt, einem Mann aus jenem Röhm-Flügel, den Hitler 1934 ausschalten ließ.
- „Die Nazis haben den 1. Mai zum Feiertag gemacht.“ Stimmt, und am Tag danach stürmten SA und SS die Gewerkschaftshäuser. Die Maifeier war laut Deutschem Historischem Museum nur der inszenierte Auftakt.
- „Die NSDAP war eine Arbeiterpartei.“ Die Arbeiter sahen das anders: Bei den Betriebsratswahlen im März 1933 holte die NS-Betriebszellenorganisation laut LeMO nur ein Viertel der Stimmen. Ins KZ Dachau sperrte das Regime zuerst vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, wie die Holocaust-Enzyklopädie festhält.
- „Hitler kam als Sozialist an die Macht.“ Ins Amt brachten ihn Konservative: Reichspräsident Hindenburg ernannte ihn, Franz von Papen und die Deutschnationalen saßen mit am Kabinettstisch. Dem Ermächtigungsgesetz stimmten laut Bundestag 444 Abgeordnete von NSDAP, Deutschnationalen, Zentrum und Liberalen zu, dagegen stimmten nur die 94 anwesenden Sozialdemokraten.
- „Es gab einen linken Flügel.“ Den prominentesten Kopf eines antikapitalistischen Kurses, Gregor Strasser, ließ Hitler am 30. Juni 1934 erschießen. So viel zum Stellenwert des Sozialismus in der NSDAP.
- „Das war Planwirtschaft.“ Das Privateigentum blieb, die Industrie verdiente an der Aufrüstung. Der Ökonom Germà Bel hat nachgewiesen, dass das NS-Regime Staatsbetriebe privatisierte, als kein anderes westliches Land das systematisch tat.
- „Volkswagen für alle!“ Rund 340.000 Deutsche sparten auf einen KdF-Wagen, keiner bekam einen. Die 275 Millionen Reichsmark waren weg, das Werk baute laut DHM Kübelwagen für die Wehrmacht.
- „Hitler und Stalin waren Verbündete.“ Der Pakt von 1939 war ein Zweckbündnis zweier Todfeinde, die sich Osteuropa aufteilten. 1941 überfiel Hitler die Sowjetunion.
- „Historiker sind eben alle links.“ Der Befund gilt international und über alle politischen Lager hinweg. Andreas Wirsching, damals Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, nannte die These im Januar 2025 ein „beliebtes Täuschungsmanöver“.
Aber was soll das alles?
Die Umdeutung erfüllt drei Zwecke.
Erstens entlastet sie. War Hitler links, hat die extreme Rechte mit Holocaust und Vernichtungskrieg nichts zu tun. Dann muss niemand erklären, warum die eigene Rede von „Remigration“ und „Schuldkult“ so vertraut klingt. Wie weit das geht, zeigte die AfD in Sachsen-Anhalt: Ihr Fraktionschef trug das gefälschte Goebbels-Zitat 2023 im Landtag vor, zum 90. Jahrestag des Ermächtigungsgesetzes.
Zweitens macht sie „links“ zum Synonym für Diktatur. Nicht zufällig fiel Weidels Satz als Antwort auf den Wahlsieg der Linken. Im selben Atemzug erinnerte sie das Berliner Ergebnis an Erich Honecker.
Drittens normalisiert sie. Waren Nazis per Definition links, ist rechtsextrem nur noch eine strengere Spielart von konservativ. Genau diese Grenze will die AfD verwischen.
Krieg ist Frieden
George Orwell hat diese Technik in „1984“ beschrieben, seinem Roman über totalitäre Herrschaft und die Macht der Sprache. An der Fassade des Wahrheitsministeriums prangen drei Parolen: Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.
Orwell nannte das Doppeldenk: zwei widersprüchliche Überzeugungen gleichzeitig für wahr halten.
Orwell verstand sich selbst als demokratischer Sozialist. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er mit dem Gewehr gegen Francos Faschisten. In Weidels Welt stünde er auf derselben Seite wie die Leute, auf die er geschossen hat.
Hitler war ein Linker, sagt Weidel. Krieg ist Frieden, sagt die Partei. Beides ist Doppeldenk. Und beides funktioniert nur, solange niemand widerspricht. Die Partei will das Narrativ verschieben und die Geschichte umdeuten. Die Lüge wird so lange wiederholt, bis sie verfängt. Doch egal wie oft man es wiederholt: „Hitler war links“ bleibt trotzdem eine Lüge.
(Transparenzhinweis: Der Artikel enthält Affiliate-Links zu den genannten Büchern)
Häufige Fragen zu Hitler und der NSDAP
Hitler und die NSDAP gelten in der Geschichtswissenschaft international als rechtsextrem. Die NS-Ideologie beruhte auf der Ungleichwertigkeit der Menschen, auf Rassismus, Antisemitismus und Führerprinzip. Linke Parteien und Gewerkschaften gehörten zu den ersten Opfern des Regimes.
Nein. Das angeblich am 6. Dezember 1931 im „Angriff“ erschienene Zitat ist laut dem Historiker Volker Weiß und einem dpa-Faktencheck falsch zugeordnet. An diesem Tag gab es keine Ausgabe. Der Satz stammt aus der „Niedersächsischen Tageszeitung“ vom 6. September 1931.
Den Begriff Sozialismus hatten Nationalisten damals längst vereinnahmt. Die NSDAP meinte einen Sozialismus der „Volksgemeinschaft“, ohne Klassenkampf und ohne Gleichheit aller Menschen. Der Name sollte Arbeiter ansprechen. Nach der Machtübernahme zerschlug die NSDAP die Gewerkschaften.
Am 21. September 2026 nannte die AfD-Chefin Hitler auf der Bundespressekonferenz einen Linksradikalen und Linksextremisten. Anlass war der Wahlsieg der Linkspartei in Berlin. Bereits im Januar 2025 hatte sie Hitler im Gespräch mit Elon Musk einen Kommunisten genannt.

