Er hat Jehova gesagt, steinigt ihn!

Über die Abmahnpraxis der Diözese Regensburg

Kennen Sie noch „Das Leben des Brian„? Da gibt es so eine Szene, bei der ein Mann gesteinigt werden soll, weil er den lieben Gott beim Namen genannt hat. „Du lästertest Gott auf infame Weise und wirst somit zu Tode gesteinigt!“, wirft ihm sein Ankläger vor. Doch als der Mann erwidert, was denn so schlimm daran sei, wenn man „Jehova“ sage, fliegen bereits die ersten Steine. Der Ankläger will die Meute beruhigen und ruft „Niemand hat hier einen Stein zu werfen, bevor ich in diese Pfeife geblasen habe – und selbst wenn vorher jemand ‚Jehova‘ sagt.

Doch ab da ist kein Halten mehr, die Meute steinigt nun auch den Ankläger selbst. Ähnlich kommt mir das Verhalten der Diözese Regensburg vor. Sie wirft zwar nicht mit Steinen, dafür aber mit Abmahnungen. Und zwar zunächst auf diejengen, die über Mißbrauchsfälle in ihrem Verantwortungsbereich berichten und nun auch noch auf diejenigen, die über die diejenigen berichten, die wegen ihrer Berichte abgemahnt wurden.

Worum geht es überhaupt?

Es geht um das leidige Thema Mißbrauch in der katholischen Kirche. Es geht beispielsweise um einen Pfarrer, der sich vor elf Jahren an Kindern vergriffen hat, dafür verurteilt wurde, einige Zeit später seinen Beruf dennoch wieder ausüben durfte, sich wieder an Schützlingen vergriff und schließlich wieder verurteilt wurde. Und es geht um die Verantwortung der Diözese Regensburg und wie man dort mit dem Thema Mißbrauch umgegangen ist.

Es geht zum Beispiel um die Ausgabe 06/2010 aus dem Spiegel mit dem Titel „Die Scheinheiligen — Die katholische Kirche und der Sex„. Gegen einen Beitrag erwirkte die Diözese eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht Hamburg. Darin eine Passage, die den nach Meinung der Diözese falschen Eindruck erwecke, man „habe durch die Vermittlung einer Geldzahlung bewirken wollen, dass der in Rede stehende Vorfall nicht an die Öffentlichkeit komme“. Und wie nennt man nun eine Geldzahlung, die verhindern soll, dass jemand was verrät? Psst, lieber nicht laut sagen. Der Spiegel hat es getan, und wir sollen alle nicht mehr darüber reden.

Es hagelt Abmahnungen

Für jemanden der das Thema nicht von Anfang an verfolgt hat, wirkt alles ein wenig verworren. Nur ein roter Faden zieht sich durch viele dieser Geschichten. Es tauchen zahlreiche Abmahnungen gegen diejenigen auf, die die Vorfälle thematisieren.

So beispielsweise das Onlineportal regensburg-digital.de. Dort schrieb man in dem Beitrag „Aufklärung katholisch“ über den Umgang der Kirche mit Mißbrauchsvorfällen und geißelte das Verhalten der Diözese gegenüber kritischer Berichterstattung:

Viel schlimmer als das Verprügeln, Demütigen und Vergewaltigen von Kindern ist natürlich die Berichterstattung darüber. Quelle: regensburg-digital.de

Darunter dann Passagen, für die das Onlineportal Abmahnungen kassierte:

Doch das war nicht die einzige juristische Keule, die geschwungen wurde.

Bereits am 5. März berichtete die Süddeutsche Zeitung in einem Interview von einem Fall, bei der einer 50-Jährigen Lehrerin eine Abmahnung ins Haus flatterte, die ihr verbieten sollte über einen ihr zugetragenen Mißbrauchsvorfall zu sprechen.

Und auch das Onlinemagazin Telepolis berichtete unter „Mehr Abmahnmissbrauch im Bistum Regensburg“ am 6. März über den Fall eines Marburger Bloggers, der eine Abmahnung erhielt weil er einen Artikel aus dem Handelsblatt zitierte. Das besondere bei diesem Fall: Dem Handelsblatt selbst lag laut Telepolis zu dem Zeitpunkt kein Schreiben vor. Telepolis schrieb:

Darauf, dass das Instrument Abmahnung hier ganz gezielt als Druckmittel in einer Auseinandersetzung zwischen finanziell ungleich gestellten Parteien missbraucht worden sein könnte, deutet die Tatsache hin, dass sich jene Behauptung, die dem Blogger nach eigenen Angaben per Einstweiliger Verfügung verboten wurde, im Handelsblatt weiter findet und den Angaben der Zeitung nach keine Abmahnung dort einging. Quelle: telepolis.de

„Jehova! Jehova!“

Und nun eine ganz neue Qualität der Abmahnung: Jetzt erwischt es auch diejenigen, die über diejenigen berichten, die abgemahnt wurden.

So berichtete am 22. April der Journalist Stefan Niggemeier in seinem Blog unter der Überschrift „Wie die Kirche Leute zum Schweigen bringt“ über den Fall des Spiegel und über die Abmahnung bei regensburg-digital.de und  – Überraschung – kassierte ebenfalls eine Abmahnung. Denn Niggemeier zitierte unter anderem den Spiegel und in dem Zitat war wieder das böse Wort.

Auch in der aktuellen Ausgabe  „journalist“ (5/10) vom Deutschen Journalisten Verband, bei dem auch ich Mitglied bin, ist die Abmahnpraxis der Diözese Regensburg Thema auf ganzen vier Seiten. Schade finde ich, dass sich selbst der Journalistenverband nicht getraut hat, das Spiegel-Zitat wiederzugeben und das Böse Jehova-Wort geschwärzt hat.

Liebes Bistum Regensburg, wenn ihr nun vorhabt, auch mich dafür abzumahnen, dass ich mir das Recht herausnehme über die Abmahnvorfälle zu berichten: „Just bring it on“.

Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!


5 Comments

  1. Geht es hier evtl. um den Begriff „S***********d“?

  2. Ich denke das ist das böse Wort. Aber das würde ich auf dieser Seit hier nie behaupten. Nachher wirft noch jemand mit Steinen nach mir.

  3. Das habe ich schon so verstanden ;-) Aber da das LG Hamburg auch gerne Blogbetreiber für die Kommentare ihrer Leser zur Verantwortung zieht, kann ich leider nicht zulassen, dass das böse böse Wort hier in irgend einer Weise auftaucht. Unsere deutsche Abmahnkultur zwingt mich als Privatperson mit begrenztem Budget leider dazu, * zu verwenden.

  4. „Ich scheiße auf die Kirche
    ihren Papst und seinen Segen
    ich brauch’ ihn nicht als Krücke
    ich kann alleine leben“

    – Böhse Onkelz, „Kirche“

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