Islamhasser mißbrauchen Unruhen in Kenia für krude Verschwörungstheorien

Kenya Airways - Foto: dkDas bislang recht stabile Kenia rutscht nach den offensichtlich manipulierten Wahlen ins Chaos. Seit 2002 wurde das ostafrikanische Land vom Kikuyu Mwai Kibaki und seiner PNU (Party of National Union) Partei regiert. Die Kikuyu bilden in Kenia die Größte Bevölkerungsgruppe. Sein Herausforderer, Raila Odinga, Angehöriger der vorwiegend im Westen des Landes beheimateten Luo und Anführer der ODM (Orange Democratic Movement) hat es jedoch geschafft, die vielen anderen Ethnien im Lande hinter sich zu vereinen um den amtierenden Präsidenten vom Thron zu stürzen. Kibaki wird Vetternwirtschaft und Korruption vorgeworfen, aber viele Kenianer wählen tendenziell immer noch nach Stammeszugehörigkeit, so dass die von den Kikuyu dominierte PNU ohne eine „Allianz“ anderer Ethnien kaum abzuwählen ist. Die Situation ist verfahren und Komplex. Aber in westlichen Internetforen haben Islamhasser eine ganz einfache Lösung: Die Moslems sind schuld.

Downtown Nairobi
An normalen Tagen herrscht geschäftiges Treiben im Stadtzentrum von Nairobi. Foto: Ambassador – Tom Mboya Street, Dennis Knake

Politik in Kenia ist kompliziert. Ständig gründen Splittergruppen neue Parteien, wenn ihre Anführer merken, dass sie mit ihrer aktuellen Partei doch nicht das gewünschte Ziel erreichen, wie etwa einen guten Posten in der Regierung. So werden flugs neue Allianzen gebildet, zerbrechen, bilden sich neu. Ein ewiges Kommen und Gehen. Da fällt es einem nicht nur als Ausländer schwer, den Überblick zu behalten.

Lange Zeit sah es gut für Odinga und seine ODM aus. In vielen Auszählungsbezirken lag der Herausforderer vorn. Bis zu dem Tag als die Zählung für zwei Tage unterbrochen wurde und anschließend Kibaki zum Sieger erklärt wurde. Seitdem ist die Enttäuschung über die offensichtliche Manipulationen bei vielen Odinga-Anhängern in Hass umgeschlagen. Die Folgen sind aktuell täglich in den Nachrichten zu sehen: Demonstrationen, Plünderungen, Mord und Totschlag. Die Polizei schießt auf unbewaffnete Demonstranten, ein wütender Mob macht Jagd auf jeden, dem Nähe zu Kibaki zugetraut wird: Dabei reicht es schon, Kikuyu zu sein.

Kriminelle Banden und ethnische Rivalitäten

Aber auch die andere Seite schlägt zurück. Noch ist kein offener Bürgerkrieg zwischen den Volksgruppen ausgebrochen, noch sind viele Übergriffe nur vordergründig politisch motiviert. Vor allem in den armen Wohngegenden nutzen manche die Situation aus, um zu Plündern oder alte Rechnungen mit unliebsamen Nachbarn zu begleichen. Auch tragen rivalisierende Banden ihre Kriege jetzt offen aus und machen vor niemandem halt. So zum Beispiel Mitglieder der Mungiki-Sekte, ein mafiöses Kartell von Kikuyus, die für viele Morde in der Hauptstadt verantwortlich sein sollen. Sie sollen auch das Geschäft mit den Minibussen, den berühmten „Matatus“ kontrollieren. Im Nordwesten dagegen blockieren Banden von Kalenjin die Straßen. Sie wiederum sollen für die Massaker an Kikuyus im Rift Valley verantwortlich sein.

Der kenianische Fernsehsender „NTV“ (Nation TV) versucht derzeit u.a. auf musikalischem Weg, das Volk zur Ruhe, mehr Einheit und weniger „Tribalism“ aufzurufen:

Es ist in Kenia nicht das erste Mal, dass die Stämme aneinander geraten. In der Vergangenheit ging es dabei oft um Land und Vieh. Jetzt droht größeres Unheil.Doch hier im Westen sitzen Islamhasser oder christliche Fanatiker, denen jedes Mittel Recht erscheint, die Vorkommnisse in Kenia für ihre Zwecke zu mißbrauchen und krude Verschwörungstheorien zu verbreiten: So berichteten mehrere, sich „christlich“ nennende Webseiten im Internet, Raila Odinga habe den Muslimen in Kenia versprochen, unter seiner Führung innerhalb von sechs Monaten die Sharia, das religiös legitimierte, unabänderliche Gesetz des Islam einzuführen. Wer Kenia oder Odingas Werdegang kennt, kann bei so einer Behauptung nur mit dem Kopf schütteln. Über 70 Prozent Christen im Land und der Präsident ruft die Sharia aus? Wohl kaum.Persecution.OrgScreenshot Christian Today

Screenshot World Divided
Islamhasser? Christliche Fanatiker? Im Internet werden wirre Theorien verbreitet. Mit der Realität in Kenia hat das wenig zu tun.

Wer ist Odinga?

Der 1945 in Maseno im „Luoland“ in der Nähe von Kisumu geborene Odinga ging im Alter von 17 Jahren in die DDR und lernte in Leipzig am Herder Institut die deutsche Sprache. Die Luo sind überwiegend christlich. 1970 ging Odinga nach Magdeburg und studierte im Rahmen eines Stipendiums Maschinenbau. In den 80er Jahren wurde er im damals unter Daniel arap Moi regierten Kenia mehrfach verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Man warf ihm unter anderem vor, Anführer einer Untergrundbewegung zu sein, die ein Mehrparteiensystem im Land einführen wolle. 1991 floh Odinga nach Norwegen und kehrte eine Jahr später wieder zurück, als in Kenia die ersten freien Präsidentschaftswahlen abgehalten wurden.

Odinga wechselte im Laufe seiner politischen Karriere mehrfach die Parteien. Kritiker werfen ihm daher Opportunismus vor. Ende der 90er Jahre avancierte er in der KANU-Partei unter Daniel arap Moi zum Energieminister und wurde 1997 gar ihr Generalsekretär. Doch als der Mann, der ihn in den 80er Jahren wegen Putschversuches noch ins Gefängnis steckte, Odinga nicht als seinen Nachfolger für das Amt des Präsidenten nominierte, verließ er die Partei und gründete zusammen mit anderen das parteiübergreifende „Rainbow Movement“, eine Protestbewegung die zum Ziel hatte, bei den Wahlen 2002 einen unabhängigen Kandidaten aufzustellen. Aus dem Rainbow Movement bildete sich schließlich die National Rainbow Coalition (NARC), damals unter Führung von Mwai Kibaki. Kibaki versprach Odinga, ihn bei einem Wahlsieg zum Ministerpräsidenten zu machen. Doch als der Sieg kam, ließ Kibaki Odinga fallen.

Odinga ging in die Opposition. Mit dem Orange Democratic Movement (ODM) sammelte er auch all diejenigen Politiker hinter sich, die ebenfalls nach Kibakis Wahlsieg geschasst wurden. Auch die NARC ist heute zerfallen, Kibaki gründete mit seinen Gefolgsleuten erst wenige Monate vor den Wahlen die PNU. Religiösität kann man Odinga nicht gerade vorwerfen. Kommilitonen sollen ihn zu Studienzeiten eher als maoisten eingeordnet haben. Seinen Sohn benannte Odinga nach Kubas Staatsführer Fidel Castro.

Umso mehr klingt es wie ein Witz, wenn christliche Webseiten nun behaupten, Odinga würde tatsächlich die Sharia in Kenia einführen wollen.

Muslime in Kenia in der Minderheit

Knapp ein Drittel der kenianischen Bevölkerung sind Muslime, überwiegend Angehörige der in Kenia lebenden Somalis. Andere Quellen sprechen von gerade einmal 10 Prozent. Nach Angaben von BBC World hat sich jüngsten Umfragen zufolge jedoch gezeigt, dass unter den Muslimen die Meinungen für Odinga oder Kibaki etwa gleichauf liegen. 45 Prozent favorisieren demnach Odinga und seine ODM-Partei, 42 Prozent sind für Kibaki. Also die Sharia für den Fall das Odinga die Wahl gewinnt?

Die muslimischen Verbände haben laut BBC das Sharia-Gerücht längst zurück gewiesen. In Gesprächen mit Odinga sei es darum gegangen, gegen die Diskriminierung der Muslime in Kenia unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung vorzugehen, so die BBC weiter. Längst fühlen sich viele Muslime auch in Kenias „Kampf gegen den Terror“ unter Generalverdacht gestellt.

„Der Islam duldet nicht die Unterdrückung anderer Religionen und wir werden die letzten sein, die soetwas fordern“, wird Abdullahi Abdi vom National Muslim Leaders Forum von der BBC zitiert.

Muslim Academy in Nairobi
Moslems und Christen Leben in Kenia friedlich zusammen. Christen bilden mit über 70 Prozent die große Mehrheit im Land. Foto: Moslemische Schule in Nairobi, Dennis Knake

Kenia hat knapp 37 Millionen Einwohner, rein rechnerisch kommt man anhand der vorliegenden Zahlen also auf rund 2-6 Millionen Muslime die Odinga Unterstützen. Und für diese Minderheit soll die Sharia eingeführt werden? Wohl kaum. Wer das versprechen würde, hätte sich bei seinen Anhängern wohl eher lächerlich gemacht.

Dennoch hält sich das Sharia Gerücht hartnäckig. Auch in vielen deutschen Internetforen und bei Onlineausgaben von Tageszeitungen tauchen diese Behauptungen auf. Mit ihrem Treiben entlarven sich diese Islamophobiker als ebenso verblendet, wie die, die sie glauben bekämpfen zu müssen.

Kommentare
Islamophobie macht sich breit: Odinga ein muslimischer Kandidat? Gesehen in den Leserkommentaren in unterschiedlichen Beiträgen zum Thema Kenia in WELT-ONLINE.

Das Problem in Kenia ist vielschichtig. Eine einfache Lösung nicht in Sicht. Auch der Westen steht diesen internen Stammesrivalitäten hilflos gegenüber. Aber mit einem hat alles nichts zu tun – dem Islam. Dennoch kann sich auch der Westen ein zerfallen des einstigen Vorzeigestaates in Ostafrika nicht leisten. Denn wenn erst totales Chaos ausbricht, wird Frieden und Sicherheit für Jahre in weite Ferne rücken. Hoffentlich kommt es nicht erst soweit.

Surftipps:

CIA World Fact Book – Kenya
https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/ke.html

Kenyan Muslims deny Sharia claims
http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/7115387.stm

„Insight Kenya“ – kenianisches Blog mit Bildern von Joseph Karoki zur aktuellen Lage
http://josephkaroki.wordpress.com/

„Kenya emergency“ – Keniablog einer in London lebenden Kenianerin
http://kenyanemergency.wordpress.com/

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Ein Kommentar

  1. Danke für den detaillierten Beitrag.

    Bei der Überschrift würde ich aber doch eine Einschränkung machen: Es handelt sich meistens um Muslim- und Ausländerhasser hier im Westen. Der Islam dient lediglich als Negativfolie, um die Stimmung in Deutschland zugunsten einer dritten Kraft neben NPD und DVU zu kippen. Die meisten dieser Leute unterscheiden nicht mehr zwischen Islamkritik und Ausländerhass.

    Ich sehe den Islam auch sehr kritisch und m.E. stellt der politische Islam weltweit eine Gefahr dar, auch wenn man das in den einzelnen Ländern z.B. Afrikas unterschiedlich sehen kann. Meine Arbeit wird aber durch populistische Aktionen wie die von so genannten „Islamkritikern“ diskreditiert.

    Ich lege die Betonung auf das Begriffspaar „Politischer Islam“ (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,450090,00.html).

    Der Umgang mit den Menschen ist wieder etwas anderes. Im Senegal z.B. leben 5% Christen unter 95% Muslimen. Und dort gibt es keine Übergriffe durch Muslime. Man kann auch nicht davon sprechen, dass die Christen im Senegal einen Dhimmi-Status hätten.

    Sie wissen sicher selbst am besten, dass die Zugehörigkeit zu den verschiedenen ethnischen Gruppen in den verschiedenen afrikanischen Staaten die der Religionszugehörigkeit in der Bedeutung für den Einzelnen überwiegt.

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