Lernen vom „Pöbel“ aus dem Netz

Was ist dran an der Bloggerkritik, wie steht es um die Qualität der Presse?

Na das geht Bloggern und Twitterern dieser Tage wohl runter wie Öl. Gerade erst noch mussten sie sich weitere Anfeindungen seitens „etablierter“ Medien gefallen lassen, mussten sich von gestandenen Redakteuren als „Pöbel“ bezeichnen lassen, der Dank neuer Kommunikationsformen nun alles ungefiltert in die Welt hinaus posaunen dürfe, der wie ein wilder Mob keinerlei Anstand besäße und jedweden Pressekodex ignoriere. Fallen aber die Netz-Kritiker mit dieser Art Berichterstattung nicht vollends auf die mediale Schnauze? Die schreckliche Amoktat von Winnenden hat aufgedeckt, dass auch die klassischen Medien unreflektiert, unkritisch und immer mit Blick auf die Quote ungeprüften Müll verbreiteten. Stundenlang, selbst nachdem die Netzcommunity das mit der Falschmeldung vom „Amok-Chat“ längst besser wusste.

Tschilp, tschilp, bla bla“, „Das Internet verplappert sich“, „Die Beta-Blogger“. Es ist schon harter Tobak, was sich die deutsche Bloggerszene da so von Seiten der „Holzmedien“ in der Vergangenheit anhören musste.

Blogger als „arbeitsweltliche Asoziale“

Leute, bei denen es zu einer Festanstellung leider nicht gereicht habe, ein „Gewimmel von bloß Gemeinten, Halbgarem, von Pöbeleien, Befindlichkeiten und geistigen Feuchtgebieten“, kurzum „arbeitsweltliche Asoziale.“ So jedenfalls sprach Richard Wagner im November 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die Blogger. Und Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen sprachen der deutschen Bloggerszene in Spiegel Online ohnehin jegliche Bedeutung ab. „Man spricht nicht drüber“.

Bernd Graff konnte in der Süddeutschen Zeitung auch keinen Nutzen in Twitter erkennen „Unklar daran ist nur, warum man das tun sollte“. Und Gerd Blank nutzte die Geschehnisse von Winnenden im Stern für seinen Feldzug gegen den „Pöbel“ aus dem Netz. „Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt.“

Gerd Blank ärgerte sich nicht nur darüber, das jeder alles Schreiben kann, er ärgert sich auch, dass der ach so here Pressekodex bei Twitter keine Bedeutung hat. Geschmacklos sei es, wenn Twitterer auf ein Video verlinken, das den mutmaßlichen Täter zeige. Geschmacklos auch, den Vollnamen zu veröffentlichen. Das „Jeder-kann-mitmachen-Internet“ zeige seine seine Fratze. Doch kommt nach dem Hochmut nun der Fall?

Wie geschmacklos waren die etablierten Medien in den Stunden des Schreckens? Beteiligten sie sich nicht selbst gierig am Stillen der Sensationslust? Haben sie nicht auch ungefiltert und ohne zu hinterfragen stundenlang Falschmeldungen verbeitetet? Haben Sie nicht auch den Nachnamen des Amokläufers bereitwillig gedruckt? Haben sie sich nicht auch mit halbgaren Meldungen im Twitter-Universum breit gemacht?

Amoklauf bei „FOCUSlive“

Noch während der Bluttat sicherte sich die Redaktion des FOCUS den Kanal „Amoklauf“ in Twitter um sodann seine aktuellen Meldungen dort zu verbreiten. Doch die Twitter-Gemeinde reagierte gar nicht entzückt. Geschmacklos, so eine häufige Reaktion. Kurz danach nannte man den Kanal in „FOCUSlive“ um.

Empörung über den FOCUS-Tweet (klicken für große Version)


Voller Name bei der Süddeutschen

Was man vom Boulevardjournalismus nicht anders erwartet, sieht man bei einem seriösen Blatt nur ungern. Die Süddeutsche veröffentlichte noch während der Tat den vollen Namen des Täters. Es häuften sich Leserbeschwerden im Forum, die Süddeutsche kürzte kurze Zeit später ab. Im Nachrichtenportal der WAZ-Mediengruppe „Der Westen“ liest man den Namen noch heute und auch andere Regionalzeitungen wie die Sächsische Zeitung zeigen sich nicht zimperlich.

Voller Name bei der Süddeutschen...

Voller Name bei der Süddeutschen…

Voller Name in "Der Westen"....

Voller Name in „Der Westen“….

Voller Name in der Sächsischen Zeitung...

Voller Name in der Sächsischen Zeitung…

Die letzten Minuten des Täters bei der WELT

Und was Gerd Blank im Stern als weitere Geschmacklosigkeit des „Pöbels“ verurteilte, wurde von vielen Medien gerne aufgegriffen, darunter auch DIE WELT: Die letzten Minuten des Täters als Videoclip. Zwar wollte man das Video selbst nicht direkt einstellen, verlinkte aber am Ende des Textes gerne zur Webseite des britischen Nachrichtensenders SkyNews, der das Video zuerst veröffentlichte: „Sehen Sie hier das Video auf Sky News“, so der auffordernde Spruch zum klicken und staunen.

"Klicken Sie hier auf der Video..." WELT ONLINE ganz sensationell.

„Sehen Sie hier das Video auf Sky News…“ WELT ONLINE ganz sensationell.

Die Panne mit der Amok-Warnung

Richtig peinlich wurde es dann mit der offenbar gefälschten Amok-Warnung, die der Baden-Württembergische Innenminister am Mittag auf einer Pressekonferenz den Medien präsentierte. Nur wenige Minuten nachdem diese verlesen war, äußerte die Bloggerszene erstmals Zweifel an der Echtheit. Wer ist denn dieser Bernd? Woher wusste man, dass es sich um einen gleichaltrigen Chatfreund handelte? War der präsentierte Screenshot wirklich echt?

Hätten die Holzmedien jetzt doch einmal reingeschaut und Twitter als Recherchequelle genutzt. Statt dessen waren sie viel zu sehr damit beschäftigt, minütlich selbst neue Senstationsmeldungen in die Onlinekanäle zu pusten. Hätte man aber hingeschaut, hätte es wohl nicht rund 10 Stunden gedauert, bis sich das mit dem Hinweis des Forenbetreibers, des Google-Chaches, und dem Vergleich des mutmaßlichen Originals gegen den Fake-Screenshot herumgesprochen hätte. Noch bis in die Abendnachrichten hinein präsentierte man die Falschmeldung. Ob ARD, ZDF, ob n-tv ob n24. Soviel zum Thema „Tschilp, tschilp, bla bla“.

Die Redaktionen müssen begreifen das Twitter keinen redaktionellen Anspruch hat, Twitter will sich auch nicht mit Onlinejournalismus vergleichen. Twitter hat keinen Pressekodex. Aber Twitter kann eine hervorragende Quelle sein an erstklassige Informationen zu kommen. Man muss sie nur zwingend verifizieren! Genau wie offenbar die Äußerungen von Polizei und Innenministerium. Ist das aber nicht genau die Aufgabe der Presse als vierte Gewalt im Staate? Hinsetzen und abschreiben kann jeder. Das Internet ist voll mit allem. Joseph Weizenbaum verglich es gerne mit dem Misthaufen, in dem man die Perlen suchen müsse. Das ist manchmal eine Kunst, aber eine Kunst die erlernbar ist.

Statt jede neue Kommunikationsform als Multiplikator für Pageviews zu mißbrauchen, sollte man sie erst einmal verstehen und nutzen lernen. Der „Pöbel“ im Netz, reagiert viel empfindlicher auf billigen Boulevardjournalismus als so manchem Redakteur klar sein mag.

Update: (13.03)

Der Stern weiß dennoch aus der Not eine Tugend zu machen und stellt ein weiteres Mal Elemente der Netz-Community an den digitalen Pranger. Eine „Web-Subkultur“, in der das „Lügen zum guten Ton gehört„. Vielleicht stoßen hier auch einfach nur Generationen aufeinander. Man kommuniziert übereinander, nicht miteinander.

Update 2: (15.03)
Gerd Blank versteckt sich nicht hinter dem Redaktions-Schreibtisch und gab jetzt ein Interview auf „Twinterview“ über seine online viel gescholtene Twitter-Kritik. Lesenswert!

Update 3: (16.03)
Die Financial Times Deutschland thematisiert heute in einem Dossier ausführlich soziale Netzwerke, ihre Rolle in einer immer schnelllebigeren Medienlandschaft und die Kluft zwischen Online- und Offlinewelt:  „Das Web kennt viele Wahrheiten

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2 Kommentare

  1. Hallo, habe Dich über die Financial Times gefunden – eine Funktion haben die „Holzmedien“ in ihrer Abtrittsphase dann doch noch.

    Mir ist besonders die Selbstbeweihräucherung der Tagesschau aufgefallen: http://blog.tagesschau.de/?p=5107
    Die diskutieren gar nicht über das Geschehen, sondern nur über ihre hohe journalistische Ethik. Dabei vergessen sie komplett, dass sie ihre Gelder zwangseingetrieben bekommen.

    Wahrscheinlich haben viele einfach Angst, dass sie denselben Weg wie Brockhaus gehen, weil sie wissen, dass sie nicht mit der verteilten Intelligenz des Pöbels mithalten können.

  2. apropos twitter und der poebel – in der Tat unterscheiden sich journalisten, die schlecht rechercheriete Medienberichte fabrizieren kaum noch von dem „Pöbel“, der seine Nachrichten auf Blogs verbreitet oder per Twitter an die Öffentlichkeit schießt, wie der Stern-Autor meint.

    Doch das kann man auch anders sehen: gute info bzw. gut geschriebene und recherchierte artikel werden immer ein publikum finden – egal ob von (guten) journalisten oder bloggern oder eben bloggenden journalisten verfasst.

    und warum sollen journalisten keine hochwertigen blogs machen koennen? wir arbeiten daran (hehe), siehe http://www.techfieber.de

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