Der E-Post Brief: Mehr Nachteile als Vorteile?

Seit kurzem wirbt die Deutsche Post AG mit dem E-Post Brief. Einer angeblich sicheren Variante, elektronische Briefe – füher hieß das mal E-Mail – zu verschicken. Ganz ohne Spam und mit Übergang in die physische Welt, denn eine elektronisch aufgegebene Nachricht kann auch auf Papier zugestellt werden. Und weil sich jeder Nutzer einer E-Post Adresse zuvor bei der Post registrieren und identifizieren lassen muss, sei das ganze auch viel sicherer als die E-Mail und bringt dem Kunden viele Vorteile, auch bei Behördengängen. Aber stimmt das überhaupt?

Zugegeben, die Werbung verspricht dem Otto-Normalverbraucher Schutz vor vielen Dingen, die ihm im „normalen“ Internetleben zu schaffen machen. E-Mail Postfächer voller Viagrawerbung, Viren, Trojaner und Würmer. Igitt. Aber wer will sich schon mit so komplexen Dingen wie einem Virenscanner beschäftigen. Und woher soll man auch wissen, dass das neuste Nacktfoto von Britney Spears gar kein Nackfoto sondern ein Computervirus ist. Oder Obodunga Mofunga aus Nigeria gar nicht wirklich 30 Millionen Euro auf einem Südseekonto geparkt hat und zur Freigabe dringend die Hilfe des Adressaten braucht?

Mit der Adresse @epost.de versuchte die Deutsche Post AG schon einmal ein Geschäft zu machen. 2000 wurde @epost.de als „lebenslängliche“ Gratis-Adresse beworben. Fünf Jahre später war das Leben der @epost.de Empfänger bereits ausgehaucht. Nun holt man das Kind wieder aus dem Brunnen. Gegen Geld versteht sich. Für jede verschickte Mail.

Der E-Post Brief macht Schluss mit dem Stress, der einem im Internet blüht. Endlich wieder Post verschicken wie zu Muttis Zeiten. Damals kostete ein Brief noch was, und das war gut so. Und überhaupt, diese Gratismentalität im Internet. Geht ja gar nicht. Daher soll auch der E-Post Brief – im Grunde auch nur eine schnöde E-Mail –  jetzt wieder Geld kosten. 55 Cent um genau zu sein. Egal ob man nun von Mail zu Mail oder von Mail zu Brief verschickt (für letzteres könnte ich eine Gebühr pro Brief ja noch verstehen). Nagut, dafür kann man ihn aber auch am heimischen Computer aufgeben. Schlangestehen am Postschalter war einmal. Die Post erfindet die E-Mail neu. Wie praktisch.

Doch Kritik wird laut. Die Post hat in den AGB für den E-Post Brief so einige Punkte untergebracht, die dem Kunden offenbar mehr Nachteile und der Post und ihren Geschäftspartnern mehr Vorteile zu bringen scheint. Richard Gutjahr hat sich mit dem Kleingedruckten auseinandergesetzt und dazu die Anwälte Udo Vetter und Thomas Stadler befragt. Diese lassen kein gutes Haar am „gelben Riesen“. Hier noch einmal zusammengefasst die wichtigsten Kritikpunkte:

  • Pflicht zum täglichen Briefkastencheck
    Nutzer des E-Post Briefs verpflichten sich laut AGB täglich ihr Postfach zu überprüfen. Ob im Urlaub oder nicht. Ein übermittelter E-Post Brief gilt als zugestellt, sobald er sich im Postfach des Empfängers befindet. Schaut der Empfänger aber nicht täglich nach, verpasst er unter Umständen wichtige Fristen oder Mahnungen. Praktisch für Behörden, wenn sie dem Kunden künftig wichtige Termine per E-Post Brief zustellen können. Gar nicht so praktisch für den Empfänger, wenn er auch im Urlaub nicht jeden Tag den Briefkasten leert.
  • Adresshandel
    Ein weiterer Kritikpunkt ist die Klausel zur Adressweitergabe: Wer der Veröffentlichung seiner Daten im öffentlichen Adressbuch zustimmt, der erklärt sich auch damit einverstanden, dass die Post anfragenden Unternehmen den kompletten Datensatz übermittelt darf. Also landet künftig die Werbung nicht nur im Briefkasten vor der Haustür sondern zusätzlich noch im E-Postkasten? Das Fazit der Anwälte: Adresshändler dürften sich freuen, der Kunde weniger.
  • Abgeschwächtes Briefgeheimnis
    Der E-Post Brief soll sicher sein. Doch fällt der E-Postbrief nicht unter das Briefgeheimnis, sondern das Fernmeldegeheimis. Strafverfolgungsbehörden können den E-Postbrief nunmehr viel einfacher einsehen als einen echten Brief, der sich zudem erstmal finden lassen müsse. Ein echter Vorteil, aber wieder nicht auf Kundenseite. Auch die Stiftung Wartentest kritisiert die Verschlüsselung.
  • Löschen ist nicht löschen
    Wer einen E-Post Brief löscht, der kann zwar selbst nicht mehr darauf zurück greifen, die Post behält sich aber vor, die Daten einen nicht näher bezifferten Zeitraum zu behalten. Wer einen echten Brief zerreißt, der weiß, dass er hinüber ist. Wer seinen E-Post Brief löscht, weiß nicht, wo er sich noch befindet.

Die E-Mailadresse für „Internetausdrucker“?

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Post mit dem E-Post Brief all diejenigen ködern kann, die sich mit der Materie Internet grundsätzlich wenig auskennen oder beschäftigen wollen. Und das sind nicht wenige. Ein gutes Geschäft also, der E-Post Brief. Sichere Verschlüsselungstechniken wie Pretty Good Privacy (PGP) haben sich nicht in der Masse durchgesetzt, dabei ist die Software dafür sogar kostenlos zu haben. Auch gibt es unzählige andere Anbieter sicherer E-Mail Zertifikate.

Behördengänge lieber persönlich

Ganz ehrlich: Meine Behördengänge mache ich auch in Zukunft lieber persönlich. Zwar gebe ich meine Steuererklärung seit Jahren mit Zertifikat elektronisch ab, doch die Belege musste ich im Nachhinein dann doch immer noch persönlich abgeben: Einscannen und mitschicken ist bislang immer noch nicht möglich. Für 2011 überlege ich mir daher, das ganze wieder auf dem Fußweg zu erledigen.

Post erzeugt künstlich Druck

Die Post macht heute in einer Pressemitteilung nochmal „Druck“ und behauptet, die verfügbaren E-Post Brief Mailadressen würden knapp. Es folgt eine Auflistung von Häufigkeiten deutscher Namen und die Ermahnung „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Doch wieviele sich wirklich schon für den E-Postbrief haben registrieren lassen, verrät die Meldung nicht. Das riecht doch stark nach „tun wir mal so, als verpassten die Leute was, wenn sie sich jezt nicht registrieren…“

Meinen Namen könnt ihr haben, ich bleibe bei meiner klassischen E-Mail Adresse. Spam und Virenfilter verrichten sowohl Server- als auch Clientseitig gute Dienste und verschonen mich vor dem meisten Müll. Der Rest landet in einem speziellen Ordner im Postfach. Wenn ich was vom Server lösche, dann weiß ich, dass es auch weg ist.  Und wer mir was ganz geheim zuschicken will, der kann das per PGP erledigen.

PS: Die Abmahnung von Herrn von Gravenreuth, Gott hab ihn selig, habe ich damals auch PGP-Verschlüsselt bekommen. Also, geht doch auch ohne E-Post Brief.

Update (28.07.2010):
Die Deutsche Post AG hat sich bei Richard Gutjahr gemeldet und schildert ihre Sicht der Dinge.

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5 Kommentare

  1. Übrigens:

    Schon bevor die Deutsche Post die Werbekampagne startete hatte ich mal die führenden Trustcenter mit entsprechenden Angeboten für Privatkunden angemailt, ob und wann und insbesondere zu welchen Kosten (inkl. zertifiziertes Kartenlesegerät) ein Angebot zur Nutzung des neuen elektronischen Personalausweises als „Internet-Ausweis“ verfügbar sein wird. Die Einführung ist für November 2010 vorgesehen. Die Antwort von allen (!): Nichts geplant! Keine Angebote vorgesehen! Daher wird auch wohl dieser neue ePost-Kram nichts werden….

    Übrigens 2:

    Bei der Deutschen Post kann jeder die ePost-Adresse bekommen! Bei der Deutschen Telekom ist das – entgegen deren sehr zurückhaltenden Werbung – nur für bestehende T-Online-Kunden möglich!

  2. Hallo,

    wir haben festgestellt, dass zu einigen Punkten in unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) zum E-POSTBRIEF zusätzlicher Informationsbedarf besteht. Die identifizierten Punkte haben wir in einer eigenen FAQ erläutert, diese finden Sie hier: http://go.post.de/w4hao

    Mit freundlichen Grüßen

    Philipp Schwertner vom Serviceteam E-POSTBRIEF

  3. Das Problem, täglich die Epost checken zu müssen, um nicht einen Brief zu verpassen, mit dessen Erhalt z.B. eine Frist beginnt, kann man zumindest damit lösen, daß man die SMS-Benachrichtigung bei Erhalt von Epost Briefen aktiviert. Das hat auch wieder Vor- und Nachteile. Zum einen kann es nerven, wenn man viele Epost erhält oder zu einem ungünstigen Zeitpunkt (Rechnungen von der Post werden z.B. nicht gemeldet, da sie meist nachts verschickt wurden und sich wohl einige Kunden über die nächtlichen SMS beschwert haben :)) – andererseits ist das gerade im Urlaub ein Vorteil, wenn ja nicht die Möglichkeit hat, den Briefkasten zuhause zu checken.

  4. ich habe mir heute bei e-Postbrief Adresse geholt und dachte, ich könnte die Verifikation über meine Signaturkarte von SIGNTRUST (Deutsche Post) machen.
    Geht leider nicht; PostIdent-Verfahren ist sicher sicherer :)

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