Eva Herman: Auf den Kopp gefallen?

Auf der Duisburger Loveparade sterben im Gedränge des einzigen Ein- und Ausgangs 19 Menschen, hunderte werden verletzt. Wer letztendlich Schuld an dem Unglück ist, wer bei der Planung oder Freigabe der Veranstaltung gepennt hat, all das wird in den nächsten Tagen und Wochen zu klären sein. Den Toten und Hinterbliebenen hilft das letztendlich herzlich wenig. Doch im Windschatten des Unglücks meldet sich plötzlich wieder eine zu Wort, die schön des Öfteren mit zweifelhaften Äußerungen wie etwa zur Rolle der Frau im dritten Reich, aufgefallen ist.

In kruden Worten – einem fanatischem Christenprediger nicht unähnlich – spricht sie von Sodom und Gomorrha, zügellosem Sex, Drogen und Alkohol und macht neben der „heutigen Jugend“ und ihren „verfallenen Sitten“ die 68er-Generation für die Katastrophe verantwotlich. Ihre Andeutung, eine höhere Macht (Gott?) habe dem ungezügelten Treiben ein Ende gesetzt, lässt mich aufschreien und fragen: Oh Eva, warum bist Du bloß so auf den Kopp gefallen?

Beim Lesen ihrer Zeilen konnte ich ihre Genugtuung über das Unglück fast mit Händen greifen. Auch wenn sie sich in ihrem Text wehement bemüht klarzustellen, dass sie mit den Opfern fühle. Aber was muss es der Frau wie Öl runtergegangen sein, all ihre Hassobjekte in dieser einzigen Veranstaltung Loveparade vereint wiedergefunden zu haben und angesichts der Katastrophe nun so herrlich über sie herziehen zu können:

Halbnackte Mädchen, laute Ravemusik, unzüchtige Bewegungen, angeblich exessiver Alkohol- und Drogenkonsu – all das, was nicht in ihr miefiges Weltbild aus dem vorletzten Jahrhundert passt. Zielscheibe Hermans auch die Medien, die vorweg positiv über die Loveparade berichteten. Eben auch diese Medien, bei denen sie heute selbst nicht mehr mitspielen darf. Die, die sie wegen ihren Buchveröffentlichungen und dem dort geäußerten Selbstverständnis zur Rolle der Frau in der Gesellschaft einst im hohen Bogen aus der Tagesschau geschmissen haben und anschließend zur „Persona non grata“ erklärten, als sie wegen ihrem „Autobahn“-Spruch aus einer Talkshow flog.

Weg von Fenster war sie, tingelte mit ihrem Büchern durch die Lande und schrieb fortan für einen Verlag, der sein Geld mit pseudowissenschaftlichen Themen, Verschwörungstheorien und allerlei esoterischem Gerümpel verdient und damit die Bedürfnisse all derjenigen befriedigt, die entweder grundsätzlich vom Leben gefrustet sind oder sich nach einer anderen Weltordnung sehnen, in der sie mehr sind, als nur ein Sandkorn am großen Strand des Lebens.

„Hasspredigerin“ Herman

Man kann vieles am Konzept der Loveparade kritisieren. Man kann der Loveparade Kommerzialisierung vorwerfen. Man kann ihr vorwerfen, dass sie nicht mehr ehrlich das Motto vertritt, mit der sie einst 1989 mit nur 150.000 Teilnehmern in Berlin gestartet ist.  Man muss auch kein Fan von Ravemusik sein, kein Fan von Massenveranstaltungen allgemein. Aber man kann nicht die eigene persönlich Abneigung gegen die Musik, die Leute, die Tänze, die Kleidung oder die gesamte Gesellschaft als Vorwand nutzen, um in einem Rundumschlag den Teilnehmern indirekt oder direkt selbst die Schuld für ihr Unglück in die Schuhe zu schieben.

Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung. […] Die Polizei und die Sicherheitskräfte, die ihr Bestes tun, werden von den Vollgedröhnten bepöbelt, beleidigt und angegriffen. Quelle: Eva Herman beim Kopp-Verlag

Allein ihr Schlusssatz: „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen“, zeigt doch welch geistes Kind Frau Hermann ist. Soll etwa „Gott“ dem „zügellosen Treiben“,  wie einst in Sodom und Gomorrha, der Loveparade ein böses Ende beschert haben? Spricht sie da allen ernstes von einem Akt  „Gottes“ um seine vom rechten Weg abgekommenen Schäfchen zu bestrafen?

Früher war alles besser!?

Ihre Hasspredigt hat die Gemüter so sehr erhitzt, dass die Webseite ihres Verlages zeitweise unerreichbar war. Und am heutigen Montag fühlt sich Frau Herman wieder geneigt, eine Antwort auf die „große Resonanz“ ihres Beitrags zu verfassen. Und der Inhalt? Man lese und staune:

Auch wenn es für junge Menschen verstaubt klingen mag, so ist meine Generation (ich werde dieses Jahr 52 Jahre alt) noch weitgehend ohne diese gesellschaftliche Entfesselung ausgekommen, die heute als »normal« gilt.

Wie meinen Frau Hermann? Obwohl sie selbst zu merken scheint, dass ihre Ansichten gelinde gesagt „verstaubt“ sind, so ist es ja wohl der Lacher schlechthin, zu behaupten, ihre Generation sei „ohne diese gesellschaftliche Entfesselung“ ausgekommen.

Wahrlich, eine Loveparade hat es 1958 und in den Jahren darauf noch nicht gegeben. Aber war das nicht ganz exakt die Zeit, in der sich die damalige Jugend vom Muff aus 1000 Jahren unter den Talaren hat befreien wollen?

War das nicht die Zeit, als die gleichen dummen Sprüche über Sodom und Gomorrha, zügellosem Sex und dem Verfall der Sitten durch die Wohnzimmer hallten, als junge Männer und Frauen längst dem Hüftschwung von Elvis Presley nacheiferten? Als die Beatles tausende Teenies in Extase versetzten? Als sich in Woodstock Millionen junger Menschen trafen, um eine neue Zeitrechnung einzuläuten? Den ewig Gestrigen fielen damals nur Sprüche wie „Lange Haare, kurzer Verstand“ ein. Eine Generation, die es einfach nicht verstanden hat, warum die Jungen den alten Mief nicht mehr mittragen wollten.

Frau Hermann war da aber noch im Kindesalter. Sie hat von der gesellschaftlichen Entfesselung vielleicht zu wenig mitbekommen. Ich wundere mich nur, warum ich davon weiß, bin ich doch erst viel später, 1975, auf die Welt gekommen. Klar, dass Eva Herman nicht viel mit der 68er-Bewegung anfangen kann. Die verkörperten ja auch genau das Gegenteil von dem, was Frau Herman in ihren Büchern so schmerzhaft vermisst.

Was zur Hölle hat das alles mit der Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg zu tun? Haben wir ähnliche Beiträge zu erwarten, wenn es beim Heavy-Metal Festival in Wacken mal zu einem Unglück kommt? Wenn sich Menschen bei“ Rock am Ring“ verletzten? Wenn bei irgend einer Massenveranstaltung, die nicht in das keusche Weltbild einer Frau Herman passt, ein Unglück passiert? War es dann immer die Strafe Gottes und die verkommene Gesellschaft?

Ich warte auf den Tag, an dem Frau Herman in einer Fußgängerzone auf einer Holzkiste steht und mit großen Schildern in der Hand die vorbeigehenden Passanten als „Sündige“ beschimpft und vor dem nahenden Ende der Welt warnt.

Als sie damals bei Kerner aus der Talkshow flog, fand ich das ganze ja noch ein wenig übertrieben und inszeniert. Aber heute bin ich mir sicher:

Die Frau ist auf den Kopp gefallen, aber ganz heftig.

Das bloggen Andere zum Thema:

Wie hat Dir dieser Beitrag gefallen?
[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]

8 Kommentare

  1. LIKE!

    wunderbare zusammenfassung, die beste zu diesem thema bisher… frau hermann spricht sogar gleich doppelt von einer fremdbeherrschung, die die „jungen leute“ erfasst haben soll. das problem: in einem kontext spricht sie von drogen, im anderen von gott. das sagt ja wohl einiges über das zustandekommen ihres verschrobenen weltbildes aus…

  2. „Ich warte auf den Tag, an dem Frau Herman in einer Fußgängerzone auf einer Holzkiste steht und mit großen Schildern in der Hand die vorbeigehenden Passanten als “Sündige” beschimpft und vor dem nahenden Ende der Welt warnt.“

    tausche „Schilder“ gegen „Wachturm“ und schon wird das Bild rund!

    Danke @ Hilden Hansen, Kommentar Blogg Niggemeier

  3. Bin auch 51 Jahre alt und war mehrmals bei einer Streetparade dabei – dem Pendant zur Loveparade in der Schweiz. Es ist unbeschreiblich, die Lebensfreude anderer zu spüren und sich davon anstecken zu lassen. Frau Herman hat da ganz entschieden etwas verpasst. Meine Generation musste keineswegs ohne diese „gesellschaftliche Entfesselung“ auskommen. Ich frage mich, auf welchem Planeten die Dame eigentlich lebt.

  4. Ich finde diesen Beitrag wirklich mehr als passend. Auf den Kopp gefallen ist noch gelinde gesagt. Ich hoffe nur, die Frau Herman kriegt durch ihre neuerliche Verbalkacke nicht wieder überall eine Bühne eröffnet und erlangt damit abermals allgemeines Interesse. Lasst die Frau, wo sie hingehört: in der Versenkung!

  5. Ich glaube die ganze Aktion dient Frau Hermann nur dazu, sich mal wieder ins Gespräch zu bringen. Die Dinge die sie schreibt sind so neben der Spur, die kann sie einfach nicht ernst meinen.

  6. Wo ist dein PROBLEM ?
    Etwa dass du im Inneren doch weisst dass die Hermann eben Recht hat ?

    Gruß

  7. Zitat:
    mit der sie einst 1989 mit nur 150.000 Teilnehmern in Berlin gestartet ist.

    Öhm, wenn ich mich recht erinnere, startete die LP 1989 mit 150 Teilnehmern. ^^

    b2t: Schuss nicht gehört, Eva… ab auf die stille Treppe mit dir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.