Man muss Assange nicht mögen, um Wikileaks zu lieben

Wikileaks, die „Whistleblower“ Webseite pinkelt Regierungen, Firmen und Institutionen schon seit Jahren mit Veröffentlichungen interner Papiere unangenehm ans Bein. Doch seit der Veröffentlichung der Kriegstagebücher aus Afghanistan oder den US-Übergriffen auf Zivilisten im Irak, hat sich die Webseite unter Führung von Julian Assange mächtige Feinde gemacht.

Auch die jüngst veröffentlichten US-Diplomatendepeschen bringen täglich neue Unnannehmlichkeiten an den Tag. Für viele Bürger ist das traurige Bild aus Mißtrauen, Lug und Betrug in Politik und Wirtschaft, das Wikileaks in den vergangenen Jahren an die Oberfläche befördert, schon zu viel. So ergab eine Umfrage der ARD, dass 53 Prozent Wikileaks kritisch gegenüberstehen. Warum eigentlich? Stört Wikileaks den „Betriebsfrieden“, indem es auf unangenehme Missstände aufmerksam macht? Setzt man sich mit den Kritikern auseinander, hört man oft die gleichen Argumente: „Ich mag Assange nicht, so ein Selbstdarsteller“. Was für ein Scheinargument. Nur weil einem die Person Assange nicht gefällt, ist die Arbeit von Wikileaks schlecht?

Julian Assange auf den "New Media Days" 2009 in Dänemark. Foto: (cc) New Media Days / Peter Erichsen

Julian Assange auf den „New Media Days“ 2009 in Dänemark. Foto: (cc) New Media Days / Peter Erichsen

Assange spaltet die Gemüter: „Selbstdarsteller, Spinner, Egomane.“ Das sind noch die harmloseren Bezeichnungen, die der Wikileaks-Begründer über sich ergehen lassen muss. Der schwedische Haftbefehl und die weltweite Suche über Interpol kommt da vielen Kritikern zu pass. Wegen Vergewaltigung sei er gesucht, heißt in der Presse. Viele halten den Vorwurf für konstruiert. Passt es doch allzugut in das Bild einer Rufmordkampagne. Assange wurde den Mächtigen zu ungemütlich, also bewirft man ihn mit Dreck. In dubio pro reo? Wen interessiert’s.

Hängt nicht den Übeltäter, sondern den Überbringer der üblen Nachricht…

Nichts hören, nichts sagen, nichts sehen. Foto: (cc) Creative Tools

Nichts hören, nichts sagen, nichts sehen. Foto: (cc) Creative Tools

Vergewaltigung, das klingt übel. Für viele ist der Typ daher jetzt schon untendurch und damit Wikileaks gleich mit. So hat der „Friede-Freude-Eierkuchen“-süchtige Wohlstandsbürger, der keinen Bock auf unbequeme Wahrheiten hat und sein Weltbild lieber in simplen Farben – hier gut, da böse – malt, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wegschauen statt handeln. Schon immer war in unserer Gesellschaft der Überbringer der schlechten Nachricht eher Ziel von Anfeindungen als die Verursacher selbst. Das findet sich in allen Bereichen wieder. Ob beim Mobbing am Arbeitsplatz, dem Mißbrauch in der Familie,  oder eben – wie bei Assange – dem Politaktivisten. Querulanten sind Störenfriede. So sind die dunklen Gerüchte über Assange nun das perfekte Alibi für jeden ….  Wikileaks gleich mit abzulehnen. Doch was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Was ist dran am Vorwurf der Vergewaltigung?

Selbst der angebliche Vorwurf der Vergewaltigung, der im August von zwei Frauen erhoben wurde, nicht so einfach und schwarz-weiß darstellbar:

Der Guardian veröffentlichte zu den Vorkommnissen bereits im August 2010 Details, wie es zu den Anschuldigungen gegen Assange kam – und vor allem – was für Anschuldigungen die beiden Frauen denn wirklich gegen Assange vorbrachten: Da geht es nämlich nicht darum, dass er sie gegen ihren Willen gewaltsam zum Sex gezwungen habe, wie man es bei dem Vorwurf einer Vergewaltigung zunächst vermuten würde:

Beide Frauen berichteten laut Guardian unabhängig voneinander, sie haben sehr wohl in beiderseitigem Einvernehmen mit dem Wikileaks-Gründer geschlafen. Assange habe jedoch kein Kondom benutzt und sich später geweigert, sich einem Gesundheitscheck zu unterziehen. Erst dann sind die Frauen zur Polizei gegangen.

Both women reported that they had been involved in consensual sexual relationships with Assange, but each reported a separate non-consensual incident of a similar character in which Assange allegedly had sex with them without using a condom. […] It is understood that before going to the police, both women asked Assange to have a health check to reassure them, and that Assange declined to do so. (Quelle: Guardian)

Der Vorwuf müsste also lauten: Einvernehmliche sexuelle Handlungen ohne Kondom und anschließende Weigerung eines Gesundheitschecks. Das mag sicherlich fahrlässig sein, aber ist das strafbar? Und vor allem: rechtfertigt das die medienwirksame weltweite Suche via Interpol? So hatte die schwedische Staatsanwaltschaft den Vorwurf der Vergewaltigung und die Suche nach Assange bereits nach einem Tag -zunächst- wieder verworfen.

Aber so Detailliert wollen es die Kritiker dann auch gar nicht wissen. Assange ist ein Selbstdarsteller der irgendwie Dreck am Stecken hat. „Wer nichts zu verbergen hat, hat doch auch nichts zu befürchten.“ Hat er das selbst nicht immer im Zusammenhang mit den Wikileaks-Veröffentlichungen behauptet?

Kommerz oder Idealismus?

Ein zweites Argument der Wikileaks-Gegner ist die angebliche Kommerzialisierung. Viele nehmen es der Whistleblower-Seite einfach übel, die jüngsten Dokumente nur häppchenweise zu verbreiten und Exklusiv-Stories mit ausgewählten Medien abeschlossen zu haben. Aber ist Wikileaks wirklich so kommerziell? Eines ist sicher: Eine Webseite zu betreiben, die derart viele Aufrufe und auch Angriffe aushalten muss, ist nicht billig. Aus diesem Grund ruft Wikileaks auch regelmässig zu Spenden auf. Wäre es daher wirklich so verwerflich, den ein oder anderen Deal mit den Medien einzugehen, um das notwendige Kleingeld für den Betrieb der Seite aufrecht zu erhalten? Merke, Wikileaks veröffentlicht nicht einfach ungeprüft jedes ihr zugespielte Dokument. Zu schnell hätte man sich bei Falschmeldungen längst den Ruf ruiniert. Die Sichtung und Einordnung erfordert viel Aufwand und Arbeit. Reich und Glücklich werden Assange und seine Leute durch diese Seite jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Man hat sich damit mehr Probleme als Vorteile eingehandelt und Assange muss mittlerweile um sein Leben fürchten. Wer soetwas tut, ist von seinem Handeln überzeugt. Ein Idealist ersten Grades. Na und? Ist das etwa schlecht? Die Welt ist voller Opportunisten und Wendehälse. Wir brauchen mehr Menschen, die offen für ihre Überzeugung einstehen. Zugegeben, das ist wirklich nicht immer einfach.

Wikileaks und die Rolle der Medien

„Wem nützt denn die Erkenntnis, was US-Diplomaten über Politiker weltweit denken“, ist ein weiterer Kritikpunkt, der dieser Tage gerne von denen aufgegriffen wird, die nichts von dem großen Exklusvikuchen bei Wikileaks abbekommen haben. Gerade aus den Reihen dieser Medien ist die Kritik gegen Wikileaks deutlich zu hören. Zugegeben, ob Merkel nun Teflon-Eigenschaften besitzt, oder Westerwelle ein übersteigertes Ego hat – geschenkt. Aber genau das sind die Boulevardmeldungen die es braucht, damit die Quote stimmt und die Leute erst einmal herhören.

Die wirklich interessante Details der Depeschen liegen natürlich eher im Detail. Die Denke arabischer Staaten über den Iran, China und seine Beziehungen zu Nordkorea, Afghanistan und die Korruption. Und vor allem: Wer plaudert hier eigentlich mit wem und deckt sich das mit dem Bild, das der Öffentlichkeit präsentiert wird?

Klar, dem Spiegel ist mit den Exklusivrechten in Deutschland ein Coup gelungen. Das bringt Quote. Dennoch ist es ein Trauerspiel, das Wikileaks den Medien vormacht, wie investigativer Journalismus funktioniert. Sollte man sich nicht viel eher fragen, warum nicht mehr unsere Presse die Rolle übernimmt, die Wikileaks längst eingenommen hat? Warum werden Missstände nicht zuerst dort aufgedeckt? Wo ist die so viel zitierte „vierte Macht im Staate“? Längst hat man es sich in den Glaspalästen, die sich so manch großes Verlagshaus leistet, bequem gemacht. Der sprichwörtliche Elfenbeinturm hat auch hier die Sicht der Dinge auf die unbequemen Tatsachen vernebelt. Allzuoft bekommt man als Leser den Eindruck von kritiklosem Paste&Copy-Journalismus, statt wirklich hintergründiger Berichterstattung. Heile Welt statt klare Fakten. Oberflächlich statt tiefgründig. Schnell konsumierbar statt schwere Kost.

Halt, Einspruch. „Wikileaks betreibt doch keinen Journalismus“. Einspruch angenommen. Wikileaks veröffentlicht nur interne Papiere, die ihnen von externen Informanten zugespielt werden. Doch wo sind die Informanten der regulären Presse? Traut man ihr nicht mehr? Hat man einfach zu oft die wirklichen Skandale in Politik und Wirtschaft mit allzu großzügiger Rücksichtnahme unter den Tisch gekehrt und damit das eigene Vertrauen verspielt?

Gerade auf lokaler Ebene ist es für so manchen Redakteur schwierig, investigativ unterwegs zu sein, wenn sich der Chefredakteur auf den alljährlichen Presseball mit dem Bürgermeister freut. Warum wohl boomen kritische und unabhängige Blogs im Internet? Warum wohl beklagt sich Angela Merkel, dass ihr das Internet die Arbeit erschwere?

Wir brauchen mehr unbequeme Menschen

Ja, Wikileaks wird die Menschheit nicht retten. Und auch Assange wird die Welt nicht zu einem besseren bekehren. Aber das macht die Arbeit der Netzaktivisten deswegen nicht unwichtiger. Im Gegenteil. Wenn am Ende der einzige Effekt von Wikileaks ist, dass sich die Presse wieder mehr ihrer Rolle als unverzichtbare Säule einer freien, demokratischen Gesellschaft besinnt, dann ist das bereits ein großer Gewinn. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich viele Medien viel lieber mit dem Verfolgungs-Thriller um Assange beschäftigen, als mit den Inhalten aus den vielen veröffentlichten Dokumenten.

Wir brauchen daher mehr unbequeme Menschen, die die Arbeit von Wikileaks fortführen. Und aus diesem Grunde meine ich: Man muss Assange nicht mögen, um Wikileaks zu lieben.

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