Die Bild-Methode: Wie Springer aus Deutschlands UN-Blamage eine Baerbock-Story macht

Deutschland scheitert erstmals seit der Wiedervereinigung beim Einzug in den UN-Sicherheitsrat. Das ist eine echte Niederlage. Aber wer dafür verantwortlich ist, hängt davon ab, wen man fragt. Fragt man Axel Springer, war es natürlich eine Grüne.

Am 3. Juni 2026 verlor Deutschland die Abstimmung um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat gegen Portugal (134 Stimmen) und Österreich (131 Stimmen). Deutschland kam auf 104. Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung. Ausgerechnet Annalena Baerbock, als amtierende UN-Generalversammlungspräsidentin im Saal, musste das Ergebnis verkünden berichtet die Associated Press. Das ist die ganze dramatische Note, die ihr in dieser Geschichte zusteht.

Außenminister Johann Wadephul (CDU) nannte es eine „herbe Niederlage“ und führte gleich drei Ursachen ins Feld: den zu späten Zeitpunkt der deutschen Kandidatur, russisches Lobbying gegen die Bewerbung und Deutschlands Haltung im Nahostkonflikt. Wadephul räumte dabei selbst ein, dass die deutsche Israelpolitik vermutlich Stimmen gekostet habe. Merz‘ Versprechen, Deutschland wieder zu einem „führenden Akteur auf dem internationalen Parkett“ zu machen, war damit spektakulär geplatzt. Wadephuls Partei. Wadephuls Regierung. Wadephuls Niederlage.

Und Wadephuls eigene Erklärung.

Soviel zur Faktenlage.

Was die Welt als Ursache sieht: Gaza, Glaubwürdigkeit, Globaler Süden

Internationale Medien sind sich ungewöhnlich einig, wenn man sie unvoreingenommen liest. Trita Parsi vom Quincy Institute bringt es bei Al Jazeera auf den Punkt: Die Ukraine-Unterstützung als Erklärung für die Niederlage sei eine Ablenkung. Portugal und Österreich unterstützen die Ukraine nicht weniger als Deutschland und sie haben gewonnen. Österreich warb ausdrücklich mit seiner Neutralität, Portugal mit einem israel-kritischeren Kurs. Der Globale Süden hat gezielt für die gewählt, die nicht mit zweierlei Maß messen.

The National aus Abu Dhabi zitiert den deutschen Menschenrechtsanwalt Alexander Schwarz mit dem Satz: „Deutschlands Haltung gegenüber Gaza ist zum Paradebeispiel westlicher Doppelstandards geworden.“ Muriel Asseburg vom German Institute for International and Security Affairs ergänzt dort, Deutschland habe Doppelstandards nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber den USA angewandt, was den Unmut im Globalen Süden zusätzlich befeuert habe.

Auch der konservative Analyst Alexander Wolf, Leiter des Hauptstadtbüros der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung, kommt in einem Meinungsbeitrag für Euronews zu einem ähnlichen Schluss  und macht dabei durchaus auch Baerbocks Amtszeit mitverantwortlich. Aber nicht wegen feministischer Außenpolitik oder Elefantenstreitigkeiten, sondern wegen eines strukturellen Glaubwürdigkeitsverlusts: Deutsche Außenpolitik habe sich unter Baerbock stark über Moral definiert, mit Haltung im Globalen Süden und leiseren Tönen, sobald handfeste Interessen im Weg standen. Solche Eindrücke hafteten, auch wenn längst andere regierten. „Kritisiert wurde die deutsche Haltung im Gaza-Krieg, die zurückhaltende Reaktion auf den israelischen Schlag gegen den Iran, das Schweigen zum amerikanischen Vorgehen in Venezuela. Vieles davon war nüchterne Interessenpolitik. Außerhalb Europas wurde es trotzdem als Beleg gelesen, dass Deutschland es mit den eigenen Maßstäben nicht so genau nimmt.“ Dass selbst ein CSU-naher Analyst die Gaza-Haltung als Kernproblem benennt und nicht den Feminismus-Vorwurf bedient, sagt einiges.

Was Bild daraus macht: Baerbock hat’s verbockt

Dann kam die Bild-Zeitung.

Aus der Niederlage wurde innerhalb von Stunden eine Anklageschrift gegen Annalena Baerbock zusammengebaut aus einem einzigen Quellenfundus: Bild selbst.

  • Die „hochrangigen Diplomaten aus verschiedenen Ländern“, die angeblich Baerbocks feministische Außenpolitik für das Scheitern verantwortlich machen? Bild.
  • Die namibische Ex-Vize-Umweltministerin, die sich von Deutschland im Stich gelassen fühlte? Bild.
  • CDU-Mann Manfred Pentz mit dem Kernsatz „Baerbock hat es verbockt in ihrer Amtszeit als Außenministerin“? Gegenüber Bild.

Das Herzstück der Geschichte ist ein Interview mit Mokgweetsi Masisi, dem früheren Präsidenten Botswanas. Masisi sagte der Bild, Baerbock hätte sich auf ihre Diplomatenarbeit konzentrieren sollen, „anstatt zu versuchen, Nigerianern vorzuschreiben, wo sie ihre Toiletten zu bauen haben, und den Afrikanern zu sagen, wie sie mit Elefanten umgehen sollen.“ Starkes Zitat. Schlagzeilentauglich. Und genau das war der Punkt.

Was Bild dabei nicht erzählt: Masisi wurde von Bild am Rande eines Gipfels in Nairobi aufgesucht, er hat nicht von sich aus den Weg zu deutschen Medien gesucht. Er ist seit November 2024 abgewählt, politisch irrelevant in Botswana, und hat eine sehr persönliche Rechnung mit Deutschland, nämlich den Streit um den Import von Jagdtrophäen, bei dem Baerbocks Regierung Botswanas Interessen ignoriert hatte. Ein frustrierter Ex-Präsident mit Vorwänden. Kein afrikanisches Urteil. Eine rekrutierte Stimme.

Das Muster danach ist klassisch: CDU/CSU übernimmt das Framing, ebenfalls gegenüber Bild. Rechtsaußen-Medien amplifizierten den Rest mit eigenem Vokabular. Social Media besorgt den Rest. 

Die Baebrock Legende ist gestrickt. Die Grünen sind Schuld. Obendrein eine Frau. 

Die Springer-Methode: bewährt seit Jahren

Das ist kein Zufall und kein journalistischer Reflex. Es ist Methode.

LobbyControl hat dokumentiert, dass Springer-Chef Mathias Döpfner kurz vor der Bundestagswahl 2021 den damaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt anwies: „Please stärke die FDP“ mit dem erklärten Ziel, eine Regierungsbeteiligung der Grünen zu verhindern. Die Kampagne gegen das Heizungsgesetz, fast 70 Mal „Heiz-Hammer“ in der Bild zwischen März und August 2023, war kein Journalismus, sondern politische Stimmungsmache mit industriepolitischem Rückenwind. KKR, Hauptaktionär des Springer-Konzerns mit 35,6 Prozent, hält gleichzeitig Anteile an Energieunternehmen. Kein Interessenkonflikt, der erwähnenswert wäre. Laut Bild.

Die Grünen als Feindbild haben bei Springer eine lange Tradition. Was sich verändert hat, ist die Perfektion der Konstruktion: Auslandsstimmen als Legitimationsdecke für innenpolitische Abrechnung. Wirkt international. Ist es nicht.

Was das Manöver leistet

Die eigentliche Funktion dieser Geschichte ist simpel: Das Scheitern von Merz und Wadephul wird einer Frau angelastet, die seit Frühjahr 2025 nicht mehr im Amt ist. Baerbock ist das perfekte Ziel: Grüne, Frau, politisch angreifbar, nicht mehr in der Lage, sich institutionell zu wehren. Und während über ihre feministische Außenpolitik diskutiert wird, muss Wadephul nicht erklären, warum Deutschland zu spät kandidiert hat, warum die neue Regierung Deutschlands Position zum Völkerrecht so wenig überzeugend war, dass der Globale Süden lieber für Österreich gestimmt hat.

Das Framing funktioniert. Nicht weil es stimmt, sondern weil es bequem ist: für die Union, für Springer, für alle, die eine einfache Geschichte brauchen.

Wer es unkritisch weiterverbreitet, macht kostenlos PR für Axel Springer SE.

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