Nach dem großen Erdbeben: Haiti im Jahre Null

Für den, der es nicht miterlebt hat, ist es eine unvorstellbare Katastrophe. Wenige Sekunden haben am 12. Januar kurz vor 17 Uhr Ortszeit ausgereicht, um das Leben von Millionen von Menschen auf den Kopf zu stellen.

Zehntausende sind gestorben, hunderttausende obdachlos, Millionen sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Es sind die vielen unzähligen Schicksale die jetzt erzählt werden um die Katastrophe wenigstens ansatzweise begreifbar zu machen. Doch fernab vom Ort des Geschehens reicht schon ein Fingerdruck auf der Fernbedienung des Fernsehers, um sich des Elends zu entledigen.

Jean Zacharie versorgt Deborah Fatima, 1 Monat. Ihre Mutter starb bei dem Beben in Haiti am 12. Januar 2010. Foto: (cc) American Red Cross/Talia Frenkel

Jean Zacharie vom haitianischen Roten Kreuz versorgt die kleine Deborah Fatima. Ihre Mutter starb bei dem Beben in Haiti am 12. Januar 2010. Foto: (cc) American Red Cross/Talia Frenkel

 

Das letzte Mal habe ich mit Farah kurz nach dem Beben sprechen können, seitdem ist der Kontakt abgerissen. Via Facebook versuche ich auf dem Laufenden zu bleiben und Neuigkeiten zu erfahren. Eigentlich muss ich schon froh sein, sie überhaupt erreicht zu haben, überhaupt erfahren zu haben, dass sie noch am Leben ist.

Farah lebt und arbeitet in Pétion-Ville, einem der betroffenen Stadtteile der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince. Ich kennen sie nun schon seit einigen Jahren. Zuletzt persönlich haben wir uns 2008 in der Dominikanischen Republik getroffen. Seitdem stehen wir in lockerem, aber regelmäßigen Kontakt per Mail oder über Instant Messenger. Wir unterhalten uns dann über ganz banale Dinge. Über Musik, Filme, Freunde oder sogar was wir heute zu Mittag gegessen haben.

Ich erinnere mich, wie wir vor über einem Jahr über das Unglück einer eingestürzten Schule in Port-au-Prince gesprochen haben. Sie war erschüttert. 90 Kinder starben damals in den Trümmern. Ein paar Monate später brach bei uns das Kölner Stadtarchiv zusammen und sie zeigte sich erstaunt, dass so etwas selbst in einem Land wie Deutschland passiert.

Am 12. Januar war sie nicht online. Von dem Erdbeben habe ich erst ab späten Abend erfahren. Seitdem ist alles anders. Mehrfach versuche ich, ihr Handy über Skype zu erreichen. Irgendwann in der Nacht habe ich Glück. Die Verbindung ist schlecht. „Hallo? Hallo?“ Mehrfach rufen wir uns einfach nur ein „Hallo“ entgegen. Bis ich ihre Stimme erkenne und sie die meine. „Ich bin ok, ich bin bei einer Freundin, danke, dass Du anrufst.“ Das war es dann auch schon. Mehr muss ich erstmal nicht wissen. Die schlechte Verbindung lässt eh‘ kein richtiges Gespräch zu.

Aber angesichts der Bilder weicht die erste Erleichterung neuerlicher Sorge. Wie geht es ihrer Familie? Haben Sie genügend Nahrungsmittel bis Hilfe eintrifft? Mehr Informationen habe ich nicht. Über Facebook mache ich Freunde von ihr ausfindig. Einer lebt in New York und hat selbst Familie in Haiti. Einige haben es nicht geschafft teilt er mir mit. Von Hörensagen könne er mir aber mitteilen, Farah und ihrer Familie gehe es „ok“. Was immer das heißt. Aber das ist wohl die beste Nachricht die man in dieser Situation erwarten kann.

Haiti Seismic Readings: US Geological Survey

Mittlerweile berichten die Medien über die schwierige Situation in Haiti. Die schleppend anlaufenden Rettungsmaßnahmen und die unzähligen Einzelschicksale mit oftmals tragischem Ende. Da ist die Geschichte der kleinen Anaika, über die CNN berichtete. Das 11-jährige Mädchen, das nach zwei Tagen aus dem Trümmern gerettet wird und dann doch aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung an ihren Verletzungen stirbt. „Stupid deaths“, dumme Tode, nennen es die Ärzte. Denn es sind Verletzungen, an denen heutzutage niemand mehr sterben muss, wenn nur die richtigen Medikamente vorhanden sind. Offenen Wunden, die, wenn sie unbehandelt bleiben, zu Entzündungen führen und dann den ganzen Körper vergiften.

Und auch von anderen Schicksalen erfahre ich. Gerlinde, eine langjährige UN-Entwicklungshelferin, mit der ich seit den Bombenanschlägen auf die US-Botschaft in Kenias Hauptstadt Nairobi 1998 ab und an in E-Mail Kontakt stehe, berichtet mir per Mail aus dem Kongo: „Hier bei uns läuft alles auf Hochtouren. Zuerst muss rausgefunden werden wer von unseren Kollegen aus Haiti dort auf Heimaturlaub war und ob sie in Ordnung sind. Dann wurde eine Liste von 100 Freiwilligen nach New York geschickt (auch ich habe mich gemeldet), um die Mission in Haiti zu unterstützen mit unserer „men & women power“ zum Wiederaufbau der Mission. New York wird die Auswahl treffen, wer für eine gewisse Zeit nach Port-au-Prince geschickt wird. In MONUC schleichen alle auf Samtpfoten herum. Nur betretene traurige Gesichter … jeder hat irgendjemand in Haiti.“

Und dann schickt Sie noch einen Erlebnisbericht einer Kollegin der MINUSTAH Mission aus Port-au-Prince: „Wir waren gerade alle in unserem wöchentlichen Meeting im Konferenzraum im Erdgeschoss, als wir gegen 16.50 Uhr ein starkes donnerndes Geräusch, als ob tausend MAC-Trucks den Hügel heraufkämen, hörten. […] Wir rannten alle zur Tür zum Garten, aber fielen immer wieder hin, als der Boden bebte und wir dieses fürchterliche knackende Geräusch hörten, als Wände und die Decke in einer riesigen Staubwolke über uns zusammenbrachen. Ich kam nicht mehr hoch, aber meine Kollegen Oumar und Arnaud halfen mir wieder auf die Beine und ich kletterte über die Steine zu der Öffnung wo die Tür sein sollte. Jemand schrie, dass da jemand unter dem Schutt begraben lag. Es stellte sich heraus, dass es Lisa* war. Sie war sofort tot.“

Von Farah habe ich seit unserem kurzen Telefonat am Dienstagmorgen nichts mehr gehört. So bleibt mir nichts anderes als zu warten und zu hoffen, dass die Hilfsmaßnahmen langsam Wirkung zeigen und die Menschen die Hilfe bekommen, die sie jetzt benötigen. Aber auch nach dieser Erstversorgung muss sichergestellt werden, dass Haiti nicht wieder in Vergessenheit gerät und im Elend versinkt. Die Chance zum Wiederaufbau ist jetzt. Doch es wird ein langwieriger Prozess und man kann nur hoffen, dass Haiti nicht wieder zu einer Randnotiz in den Nachrichten wird, wenn keine Leichenberge mehr zu zeigen sind.

Surftipps & Spenden:
Ärzte ohne Grenzen

Google crisis response
(mit weiteren Links zu Hilfsorganisationen)

* Alle Namen bis auf die Vornamen gekürzt

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