Abschaffung der Zeitumstellung: Warum die dauerhafte „Sommerzeit“ keine gute Idee ist

Jetzt ist es also raus: Nach der Umfrage der EU zur Abschaffung der Zeitumstellung haben sich rund 80 Prozent aller Teilnehmer für die Abschaffung ausgesprochen. Doch nicht nur das: Die Mehrheit möchte eine dauerhafte Beibehaltung der Sommerzeit. Aber genau das ist eigentlich gar keine so gute Idee.

Die „Sommerzeit“, sie klingt warm, kuschelig und irgendwie einfach schön. „Es bleibt dann auch im Winter Abends länger hell“, sagen ihre Befürworter. Und die Normalzeit (eine „Winterzeit“ gibt es nicht) im Sommer? „Dann ginge in Berlin die Sonne zur Sommersonnenwende ja schon um 3:43 Uhr auf, wie schrecklich!“ las ich es kürzlich auf Twitter. Also Sommerzeit for ever? Diese Art der Zeitumstellung klingt auf den ersten Blick verlockend. Ist es aber nicht.

Winterliche Dunkelheit bis in den späten Vormittag

Das Arbeitsleben und die Schule beginnt für die meisten Menschen in den frühen Morgenstunden. Daran wird sich in unserem Kulturkreis auch kaum etwas ändern. Wer nur auf einen etwas länger hellen Nachmittag im Winter schielt, vergisst, dass viele Menschen weiterhin bereits um 6 oder 7 Uhr auf dem Weg zur Arbeit, zur Uni oder in den Schulunterricht sind. Bliebe es also Dauerhaft bei einer Sommerzeit, so ginge die Sonne im Winter noch eine Stunde später auf. Es bliebe also noch länger dunkel als ohnehin bereits.

Und die ewige Dunkelheit am Morgen macht den Werktätigen schon in der Normalzeit das Leben schwer genug. Außerdem: Je weiter nördlich, desto länger die Dämmerung. In Deutschland dauert die so genannte „bürgerliche Dämmerung“ zur Wintersonnenwende durchschnittlich etwa 40 Minuten, bis es nach Sonnenaufgang endgültig hell geworden ist. Hoch im Norden noch länger.

Sonnenauf- und Untergänge, bliebe die Sommerzeit auch im Winter bestehen

Sonnenauf- und untergänge am kürzesten Tag des Jahres, bliebe die Sommerzeit auch im Winter bestehen.

Hinzu kommt das Wetter. Die kälteste Zeit eines Tages ist meist kurz nach Sonnenaufgang. Glatteis und Müdigkeit sind im Winter besonders im Berufsverkehr eine problematische Kombination. Mit der Sommerzeit (es ist also eine Stunde später als zur Normalzeit) wären die Menschen gegenüber dem Sonnenaufgang noch eine Stunde früher auf der Straße. Mit der Sommerzeit im Winter gingen die Temperaturen während des gesamten Berufsverkehrs also stetig weiter in den Keller, da die Sonne ja noch eine Stunde später aufginge. Und wofür das ganze? Damit es am Abend statt um 16 Uhr erst um 17 Uhr dunkel wird? Das dürfte den meisten Arbeitnehmern kaum große Vorteile für eine noch helle Abendfreizeit bringen. Und so ein schick beleuchteter Weihnachtsmarkt im Winter ist bei Dunkelheit sowieso viel gemütlicher. 

Auch mit Normalzeit sind Sommerabende genießbar

Und wie ist es im Sommer? Ja, es wird es morgens eine Stunde früher hell als sonst. Besonders deutlich wird das im hohen Norden (wo man das im Sommer sowieso gewohnt ist). Aber wo genau ist das Problem? Wer es gerne etwas länger etwas dunkler hat, könnte sich ja auch Vorhänge anschaffen oder eine Schlafmaske aufsetzen. Das ist doch das kleinere Übel, als die bleiernde Müdigkeit am Morgen, weil es nicht hell werden will und Kunstlicht auch nur mäßig hilft. Am Abend würde es dafür eine Stunde früher dunkel. Aber auch das ist im Sommer, bei dem es in unseren Breitengraden bei gutem Wetter bis in den späten Abend hinein auch nach Sonnenuntergang noch lange hell ist, zu verschmerzen. Auch hier gilt: Mit der Sonnenauf- oder untergangszeit ist es nicht schlagartig hell oder dunkel.

Sonnenauf- und Untergänge am längsten Tag des Jahres, bliebe es im Sommer bei der Normalzeit

Sonnenauf- und untergänge am längsten Tag des Jahres, bliebe es im Sommer bei der Normalzeit

 

Wer Kinder hat, kennt zudem das Problem, dass diese morgens bei Dunkelheit kaum aus dem Quark kommen und es bei Helligkeit am Abend nicht einsehen, ins Bett zu gehen. In jungen Jahren tickt die biologische Uhr eben noch etwas lauter. Durch eine dauerhafte Sommerzeit wird es dadurch im Winter noch schwerer. Im Sommer ließe sich allzu frühes Wachwerden wiederum durch Verdunkelung ausbremsen. Aber auch hier gilt: Je weiter nördlich, desto länger die Dämmerung. Es wird auch in Berlin um 3:43 Uhr nicht schlagartig Tag.

Russland kehrte nach drei Jahren Sommerzeit zur Normalzeit zurück

In Russland hat man 2011 die Sommerzeit dauerhaft eingeführt. Mit einem so schlechten Ergebnis, dass man 2014 dauerhaft zur Normalzeit zurück gekehrt ist. Schlafforscher haben in Studien die negativen Folgen festgestellt. So litten besonders Jugendliche im Sommer unter „sozialem Jetlag“ und neigten im Winter bei einer Sommerzeit eher zu Depressionen. Und auch die Bewohner selbst hatten nach der Einführung der dauerhaften Sommerzeit wenig gutes zu berichten. Vor allem die lange Dunkelheit am Morgen machte vielen Menschen zu schaffen

Schlafforscher empfehlen dauerhafte Normalzeit

Auch die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin e.V. spricht sich für die Beibehaltung einer dauerhaften Normalzeit aus. 

Die Umstellung auf die Sommerzeit bedingt durch die späteren Sonnenauf- und untergangszeiten und dem Blauanteil des Sonnenlichts als Hauptzeitgeber der inneren Uhr chronobiologisch das Signal zu einer Verzögerung der zirkadianen Rhythmik. Anders als beim Jetlag kann dem aber nicht gefolgt werden, da Faktoren wie Arbeitsbeginn unverändert weiterhin rein Uhrzeit-abhängig bleiben. […] Bereits 2007 wurde bei 55.000 Personen gezeigt, dass die Uhrzeiten von Schlaf und Aktivität an arbeitsfreien Tagen der jahreszeitlichen Variation der Sonnenaufgangszeiten folgen – jedoch nur während der Winter- nicht während der Sommerzeit. […] Die DGSM spricht sich daher für  die konstante Beibehaltung der Normalzeit (Winterzeit, MEZ) aus.

Die Mehrheit aller Teilnehmer der EU Umfrage (4,6 Millionen) haben aus Deutschland (3 Millionen) teilgenommen. Aber die Mitteleuropäische Zeitzone reicht von Spanien bis Polen. Wer sich also über einen Sonnenaufgang am 21. Juni um 3:43 in Berlin ärgert, kann ja mal an die Menschen in Paris oder Rom denken. Dort wäre es dann erst 4:47 / 4:35 Uhr und für einen Sonnenaufgang im Sommer doch gar nicht so übel.

Für die Skandinavier hoch im Norden ist die Diskussion mit dem frühen Sonnenaufgang im Sommer vermutlich ohnehin eher belustigend. Und die Bewohner des Südens sind gleichmäßigere Tage gewohnt, bei denen es im Sommer schon immer schneller und früher dunkel wurde als bei uns. 

Eines ist klar, keine der beiden Zeiten ist in unserer breiten Zeitzone dauerhaft perfekt. Wir wollen aber weg vom jährlichen zweimal Uhren umstellen. Was bleibt? Noch engere Zeitzonen? Wiegt man die Vor- und Nachteile aber gegeneinander ab, ließe sich mit der Normalzeit vermutlich am Besten leben.

Schaffen wir also die Zeitumstellung ab und kehren dorthin zurück, wo wir vorher bereits waren, zur Mitteleuropäischen Zeit, MEZ.

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